Rollenverteilung
Die Firma als Streetgang

Der Kriminologe und Managertrainer Jens Weidner vergleicht die Machstrukturen eines Unternehmens mit denen in einer Streetgang. Er sagt: Wer im Beruf weiterkommen will, muss nur die Rollenverteilung kennen – und die ist in jeder Gruppe die gleiche.

HAMBURG. Es gibt Momente, die man nie vergisst. So hat Sandra Wedel (Name geändert) noch heute ihre Chefs vor Augen, wie sie plötzlich unsicher von einem Fuß auf den anderen traten. „Gleich zu zweit waren sie in mein Büro gekommen, hatten sich rechts und links von meinem Schreibtisch postiert, um mir eine lächerliche Gehaltserhöhung anzubieten“, erinnert sich die 40-jährige Abteilungsleiterin eines Chemiekonzerns an den Überraschungsbesuch. Mit ihrer Gegenwehr hatten die Chefs nicht gerechnet. Wedel hob nicht mal den Kopf, arbeitete weiter in ihren Unterlagen und tat das Angebot als schlechten Scherz ab. „Ich kann Ihren Vorschlag nicht akzeptieren“, konterte die Untergebene, die sich eigentlich überrumpelt fühlen sollte, kühl. „Und wenn sie mal überlegen, wissen Sie auch warum.“ Wedels Geistesgegenwart zahlte sich aus. Eine Stunde später kamen die Chefs wieder, machten ein besseres Angebot – und sie nahm an. Punktsieg für Wedel. „Die wussten nicht, dass ich gerade in einem Seminar geübt hatte, auch in überraschenden Situationen souverän zu reagieren. Davor wäre mir das Nein-Sagen nicht gelungen“, gibt die Managerin offen zu.

Sich über den Tisch gezogen fühlen und nicht wissen, wie am besten kontern – das passiert auch erfahrenen Managern. „Wer selbst keine gewisse Grundaggressivität hat, bekommt im Geschäftsleben mitunter das Gefühl, von schwer erziehbaren Rüpeln umgeben zu sein“, bestätigt der Münchner Personalberater Claus Goworr. Denn: „Respektloses und schlechtes Benehmen verwechseln viele mit Durchsetzungsstärke, Zurückhaltung und Höflichkeit aber mit Schwäche.“

Auch Wedel hatte jahrelang darunter gelitten, dass Kollegen und Chefs ständig die Grenzen des Anstands überschritten, unfaire Attacken fuhren und es noch zelebrierten, wenn sie andere mit ihrer Taktlosigkeit an die Wand gestellt hatten. Irgendwann hielt sie es nicht mehr aus. Sie ließ sich in einem Durchsetzungstraining von dem Hamburger Kriminologen und Managertrainer Jens Weidner zeigen, wie Büro-Hooligans ausgebremst werden können. „Holen Sie sie ab, wo sie stehen“, so der Rat des Bestseller-Autors von „Die Peperoni-Strategie. So setzen Sie Ihre natürliche Aggression konstruktiv ein“ (Campus, 19,90 Euro). Statt die Wut zu bunkern, solle sie ihre aggressive Energie nutzen, selbst punktgenau bissig zu sein. „Aggressionen hat jeder von Geburt an“, erklärt Weidner. „Ob diese aggressive Kraft aber genutzt wird, um Chef einer Hooligan-Bande zu werden oder Unternehmer, der Jobs schafft, ist eine Frage der Erziehung zum Guten oder Bösen.“ Der Professor für Kriminologie arbeitete lange in Gefängnissen und entwickelte ein Anti-Aggressivitäts-Training, um Gewalttäter zu resozialisieren. Seine Erfahrung mit Skinheads und Kriminellen nutzt er, um Managern zu helfen, sich durchzusetzen.

„Der erste Schritt ist die Analyse der Kommunikations- und Machtstrukturen im Unternehmen“, erklärt Weidner und empfiehlt hierfür eine Systematik, die der New Yorker Subkulturforscher Howard Polsky entwickelt hat. „Der Wissenschaftler untersuchte das Verhalten jugendlicher Kriminellen in Streetgangs und stieß dabei auf eine immer gleiche Rollenverteilung,“ so Weidner. Die Dominanten im Team nannte Polsky Anführer, graue Eminenz und Leutnants. Bei den Durchsetzungsschwächeren unterschied er zwischen Mitläufern, Isolierten und den Dyaden, zwei unwichtige Gangmitglieder, die sich gegenseitig stützen. Und schließlich die Laufjungen und Sündenböcke, die die machtorientierte Gangmitglieder wegen ihrer Schwäche und Unterwürfigkeit verachten.

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