Ron Gettelfinger
Der Kaplan von Detroit

Obwohl er im Überlebenskampf Detroits eine wichtige Rolle spielt, macht er um öffentliche Auftritte und Interviews stets einen großen Bogen. Ron Gettelfinger ist Chef der Autogewerkschaft UAW - und bald Großeigner von GM und Chrysler. Kann er den Spagat schaffen zwischen Firmensanierung und Mitarbeiterinteressen?

NEW YORK. Sehen so Sieger aus? Wohl kaum. Für einen Präsidenten, dessen Organisation bald wesentliche Beteiligungen an zwei Auto-Ikonen erhalten soll, wirkt Ron Gettelfinger reichlich verbittert. Es sei sinnlos, brummte er kürzlich auf einer Tagung in Memphis, die Leiden der US-Autoindustrie einer Gruppe in die Schuhe zu schieben, die kaum zehn Prozent der Produktionskosten ausmache.

Diese Gruppe heißt United Auto Workers (UAW), und Gettelfinger ist ihr unscheinbarer, kantiger Chef. Obwohl er im Überlebenskampf Detroits eine entscheidende Rolle spielt, macht der 64-Jährige um öffentliche Auftritte und Interviews wie eh und je einen Bogen. Der Mann mit dem Silber-Schnurrbart will kein Tamtam - nicht um die UAW und nicht um seine Person. Es muss ihn anwidern, dass im "Wall Street Journal" kürzlich der Begriff "Gettelfinger Motors" auftauchte - als würde der Auto-Riese allein ihm gehören.

Richtig ist, dass Gettelfingers UAW in einem restrukturierten General-Motors-Konzern künftig 39 Prozent der Anteile halten soll und als Gegenleistung auf Ansprüche in Höhe von zehn Milliarden Dollar verzichtet. Zum Vergleich: Die restlichen Gläubiger von GM sollen Forderungen von 27 Milliarden Dollar in den Wind schreiben und dafür nur mit zehn Prozent beteiligt werden.

Viele Kreditgeber lehnen die Sanierungsofferte ab und drohen, ihr Glück lieber im Konkurs vor einem unabhängigen Gericht zu versuchen. Sie halten die Vorzugsbehandlung der UAW für ein Wahlgeschenk der regierenden Demokraten an die Arbeiterbewegung. Für diese Einschätzung gibt es stichhaltige Argumente: Den insolventen GM-Rivalen Chrysler darf die UAW gleich mehrheitlich zu 55 Prozent übernehmen, während sich Großbanken wie die Citigroup mit einer Rückzahlung von 29 Cent pro Dollar begnügen wollen - wer von Staatshilfe lebt, hat schlechte Karten im Verhandlungspoker, das gilt für Autokonzerne wie für Banken.

Wird also eine seit Jahren umstrittene Auto-Gewerkschaft zur neuen Macht in Detroit? Mit Gettelfinger am Steuer? Der UAW-Präsident weist Glückwünsche resolut zurück: Nicht die Gewerkschaft werde künftig Aktien von GM und Chrysler halten, sondern eine "unabhängige Stiftung" namens VEBA, die für die Gesundheitsversorgung der UAW-Pensionäre zuständig ist. Die Anteile sind noch gar nicht überschrieben, da hat Gettelfinger im breiten Südstaaten-Akzent bereits "die Möglichkeit eines Verkaufs unter bestimmten Umständen" in Aussicht gestellt. Er fürchtet, dass der Spagat kaum zu schaffen ist, Investor und Verteidiger der Arbeitnehmerrechte gleichermaßen zu sein.

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