Rotstift im Ausland
Expats – die fetten Jahre sind vorbei

Auslandsentsandte, sogenannte Expatriates sind oft die Ersten, die bei Fusionen oder Schließung unrentabler Standorte geopfert werden. Auch die Wirtschaftskrise hat einige von ihnen aus dem Job, aus dem Land und in die Arbeitslosigkeit gerissen. Wer trotz Einsparungsmaßnahmen dennoch in die Fremde geschickt wird, muss den Gürtel oft enger schnallen.
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DÜSSELDORF. Der Traum von Asien zerplatzte nach zwei Jahren. Dabei hatte die Auslandsentsendung für Martin Berger* so vielversprechend begonnen: Niederlassungsleiter eines deutschen Dienstleisters. Ein Headhunter hatte den erfahrenen Manager abgeworben. Kulturtraining, Sprachkurs für die ganze Familie – das volle Programm. Berger: „Ich konnte meine Frau überreden, ihre Stelle aufzugeben, und meine pubertierende Tochter mitzukommen.“ Die Familie lebte sich schnell in Asien ein.

Dann kam die Finanzkrise. Erste Gerüchte kursierten, die Zentrale würde Auslandsposten schließen. Der Arbeitgeber hielt ihn hin. Berger: „Ich zerrieb mich im stressigen Tagesgeschäft, musste meine verunsicherte Mannschaft motivieren und die Familie beruhigen.“ Die Firma zeigte wenig Verständnis für die Extremsituation ihrer Leute im Ausland. „Da kamen mir schon mal Gedanken, aus dem Büro im 22. Stock zu springen. Aber die Fenster ließen sich ja nicht öffnen“, so Berger sarkastisch.

Dann bot ihm die Zentrale einen „Frühbucherrabatt“ an. „Eine höhere Abfindung, wenn ich früher fliege.“ Dabei hatte Berger gehofft, mit seinem unbefristeten Vertrag in Rente zu gehen. Aber auch im Inland wurde abgebaut. Heute blickt er auf den heimischen Garten statt auf die asiatische Skyline. Er sucht dringend eine Stelle. Der Headhunter hat sich nicht wieder gemeldet.

So wie Berger ergeht es seit Ausbruch der Krise etlichen Expatriates (Auslandsentsandte). Sie sind oft die Ersten, die bei Fusionen oder Schließung unrentabler Standorte geopfert werden – schließlich sind sie teuer und weit weg. 43 Prozent der Unternehmen weltweit planen, die Zahl ihrer Expats zu verringern. Der Grund: Kostendruck. Das ergab eine aktuelle Umfrage des Wirtschaftsprüfungs- und Beratungshauses Ernst & Young unter 155 Unternehmen aus einem Querschnitt von Branchen und Regionen.

Die Finanzbranche ist besonders gebeutelt. Neben der Krise machen Übernahmen und politischer Druck auf die Geschäftsmodelle wie bei den Landesbanken viele Stellen überflüssig – auch die von Expats. So zieht sich die BayernLB komplett aus Asien zurück, schließt Büros in Hongkong, Schanghai, Peking, Tokio und Bombay. WestLB und DZ Bank machen ebenfalls Standorte im Ausland dicht oder stutzen sie zusammen.

Auch Automobil- und Stahlindustrie müssen auf herbe Einbrüche gerade auch im Ausland reagieren. Thyssen-Krupp etwa passt im Zuge der Neuorganisation des Konzerns auch die Entsendepolicy der neuen Struktur an, ist aus dem Unternehmen zu hören.

Bei allem Sparzwang: Manager sind sich bewusst, dass ihr Erfolg nicht zuletzt von den ausländischen Märkten abhängt, betont Chris Debner, Expat-Experte von Ernst & Young. Zulieferer Bosch etwa erwirtschaftet drei Viertel des Umsatzes von 45 Mrd. Euro im Ausland – Tendenz steigend. 2 500 der 280 000 Bosch-Mitarbeiter arbeiteten zu Jahresbeginn außerhalb ihres Heimatlandes, 200 mehr als ein Jahr zuvor.

Wolfgang Malchow, Geschäftsführer Personal von Bosch: „Wir brauchen Leute, die etwas verstehen von Asien, Osteuropa und Lateinamerika, denn auch dort wollen wir weiter expandieren.“ Multinationale Teams, die etwa die Motorsteuerung für den Nano von Tata entwickelt haben, müssen interkulturell kompetent sein.

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