Rudolf Schmenger und Frank Wehrheim
Ausgezeichnete Verräter

Zwei Steuerfahnder prangerten Missstände an und verloren ihren Job. Nun werden sie mit dem Preis "Whistleblower 2009" geehrt.

DÜSSELDORF. Schon unter Kindern gelten Petzen als unbeliebte Spielkameraden. Einen Preis mit dem Namen "Whistleblower 2009" zu bekommen mag deshalb auf den ersten Blick merkwürdig erscheinen. Frei übersetzt könnte man einen "Whistleblower" als "Verpfeifer" bezeichnen, mithin jemanden, der Dinge über Dritte weiterträgt, die diese möglichst geheim halten wollen. Das klingt nach einem schlechten Charakter.

Rudolf Schmenger (48), Ex-Steuerfahnder, und sein früherer Kollege Frank Wehrheim (59) freuen sich trotzdem über jenen Preis, den sie am morgigen Samstag in Bad Boll, in der Nähe von Stuttgart, überreicht bekommen werden. "Wir empfinden den Preis als große Ehre", sagt Schmenger. Denn eigentlich wollten sie dem Staat nur etwas Gutes tun. Seither finden sie ihre Ruhe nicht wieder - "weil vor einigen Tagen ein weiterer Steuerfahnder in Abstimmung mit dem hessischen Finanzministerium gegen seinen Willen zwangspensioniert wurde".

Verliehen wird der Whistleblower-Preis durch die Vereinigung Deutscher Wissenschaftler, einst mitgegründet von Atomwissenschaftler Carl Friedrich von Weizsäcker zusammen mit der IALANA, einer unabhängigen, internationale Organisation von Juristen.

Schmenger und Wehrheim wurden ausgewählt, weil sie beim Kampf gegen Steuerhinterzieher von ihrer Behörde ausgebremst worden seien, bis hin zur falschen Diagnose einer Berufsunfähigkeit. "Beide Preisträger haben mit Beharrlichkeit die Folgen der (...) skandalösen Zermürbung und Zerschlagung der gesamten kritischen Steuerfahndungsabteilung immer wieder heftig und mit guten Gründen kritisiert", heißt es in der Begründung der Preisverleiher. "Sie haben als Insider entscheidend dazu beigetragen, einen wichtigen staatlichen Bereich mit seinen Missständen dem Einblick der kritischen Öffentlichkeit zu öffnen."

Die unglaubliche Geschichte von Schmenger und Wehrheim lässt sich in einem 2008 im "Stern" erschienenen Artikel haarklein nachlesen. Danach waren die beiden Fahnder bis 2001 untadelige Beamte, die sich einen Namen machten in den sogenannten "Bankenverfahren". Damals hatten diverse deutsche Banken ihren Kunden geholfen, unversteuertes Geld in Ländern wie der Schweiz, Luxemburg oder Liechtenstein zu verstecken.

Ein Team um Schmenger und Wehrheim ermittelte hartnäckig und bescherte dem Fiskus reichlich Bares, Nachzahlungen in Millionenhöhe - bis sie durch eine Verfügung des Finanzamtsleiters gebremst wurden. Darin wurde festgelegt, dass nur noch dann ein steuerstrafrechtlicher Anfangsverdacht angenommen werden darf, wenn Beweise für ein Transfervolumen von 500 000 Euro oder einen Einzeltransfer von 300 000 Euro vorliegen. Offizielle Begründung für die Beschränkung: Personalnot.

Weder Schmenger noch die Staatsanwaltschaft, noch Kollegen wollen mitspielen, sie vermuten hinter der Verfügung Kungelei mit den Banken und ihren einflussreichen Kunden, gesteuert von einer Landesregierung, die um ihren Finanzplatz fürchtet. Die Ermittler wissen, dass viele Täter transferierte Gelder stückeln, und zwar in Tranchen unter 300 000 Euro. Die Fahnder begehren auf gegen diese aus ihrer Sicht unsinnige Anweisung.

Und damit beginnen für sie die Schikanierungen. Glaubt man dem gut recherchierten "Stern"-Bericht, werden sie mit schlechten Beurteilungen, Strafversetzungen, Zuständigkeitsbeschneidungen und Mobbing systematisch zermürbt - obwohl Schmenger sich wehrt und teilweise auch vor Gericht siegt.

Bis heute vermuten die Preisträger "die Landesregierung und mit der Personalsteuerung befasste Verwaltungsbeamte" dahinter. Auf eine Anfrage hin heißt es im hessischen Finanzministerium zunächst abfällig, Schmenger und Wehrheim litten unter Verfolgungswahn und der Whistleblower-Preis "ist schließlich nicht der alternative Nobelpreis". Später wird eine offizielle Stellungnahme nachgelegt, die allein auf den damaligen Untersuchungsausschuss verweist, wonach sich "die gegen die Finanzverwaltung und die Landesregierung erhobenen Vorwürfe nicht bestätigen" konnten.

Einige der betroffenen Fahnder haben den Dienst quittiert, Schmenger wurde von einem von der Behörde beauftragten Psychiater gegen seinen Willen berufsunfähig geschrieben. Heute arbeitet er als Steuerberater. Die Steuerberaterkammer ließ ihn bedenkenlos zu. "Im Gegensatz zu dem von der Finanzverwaltung beauftragten Gutachter", heißt es in der Laudatio der Jury des Whistleblower-Preises, "ergab ein von ihr in Auftrag gegebenes Universitäts-Gutachten, er sei als Steuerberater gesundheitlich voll einsatzfähig."

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