Rückfall in die Praktiken der 90er-Jahre
Oligarchen wälzen Geldsorgen ab

Die Krise in Russland lässt so manchen in Finanznöte geratenen Oligarchen die Grundregeln guter Unternehmensführung vergessen. Zu spüren bekommen haben das jetzt die Minderheitsaktionäre des in London gelisteten russischen Ölkonzerns Sibir Energy.

MOSKAU. Großaktionär Schalwa Tschigirinskij und sein Partner Igor Kesajew nutzen den Ölförderer, um sich aus einer Kreditklemme zu befreien. Sie müssen nun bei den Banken kräftig nachschießen, weil sie, wie so viele andere ihrer Milliardärskollegen, als Sicherheit für Darlehen Aktien hinterlegt hatten; diese haben aber erheblich an Wert verloren. Die nötigen Mittel sollen von der Ölfirma kommen: Sibir wird für 340 Mio. Dollar in Schieflage geratene Immobilienprojekte von Tschigirinskij übernehmen – darunter das inzwischen eingefrorene Projekt des „Rossija-Turms“ in Moskau, der das höchste Gebäude Europas werden sollte.

Die Börse reagierte entsetzt: Der Kurs der Sibir-Papiere sackte an einem Tag um 57 Prozent ab – nachdem er bereits in den vorangegangenen Monaten 95 Prozent verloren hatte. Analysten verurteilten die Entscheidung harsch. Man könne den Aktionären nur raten, das Management zu feuern, heißt bei Prosperity Capital, einem der größten Fonds mit ausländischem Kapital in Russland.

Andere Kommentatoren sprechen von einem Rückfall in die Praktiken der 90er-Jahre. „Wir glauben, dass sich die russisch dominierte Aktionärsstruktur von einer großen Stärke in einen entscheidenden Nachteil gewandelt hat“, schreibt Unicredit. Der Konzern sei zwar in seinem Kerngeschäft gut aufgestellt, die Gefahr sei aber groß, dass das Management weitere Mittel in das neue risikoreiche Immobiliengeschäft schießen müsse. Die Analysten stellen zudem den Wert der „Akquisition“ in Frage. Bedenken hat wohl auch der Sibir-Finanzchef: Er nahm jetzt seinen Hut.

Sibir-Chef Henry Cameron ficht das nicht an: In Russland Geschäfte zu machen, sei nichts für Mutlose, sagte er britischen Medien. Er begründete den Schritt mit der entscheidenden Rolle, die Tschigirinskij beim Aufbau der Firma gehabt habe. Der Geschäftsmann hält wie sein Partner Kesajew 23 Prozent an Sibir. Ein weiterer Großaktionär ist die Stadt Moskau. Sollte Tschigirinskij gezwungen sein, sein Paket abzugeben, drohten feindliche Übernahmen, heißt es bei Sibir. Auf eine solche hoffen nun Beobachter. Nur der Einstieg eines Ölkonzerns könne die Perspektiven Sibirs verbessern.

Sibir ist in der aktuellen Krise nicht das einzige Unternehmen, das mit der Stützung eines strauchelnden Oligarchen in die Kritik gekommen ist: So hatte die Kraftwerksgesellschaft OGK-3 Pläne bekannt gegeben, Aktien von Unternehmen des Multimilliardärs Wladimir Potanin zu kaufen. Dieser hält auch die Mehrheit an OGK-3.

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