Rücktritt wäre ein Risiko
Tauziehen um Lord Browne

Über mangelnden Applaus kann sich John Browne bisher nicht beklagen. Anfang dieses Jahres haben die britischen Unternehmensführer ihn zum besten Vorstandschef auf der Insel gewählt – zum sechsten Mal in Folge.

LONDON. Selbst die sonst so kritischen Analysten scheinen den Chef des Ölkonzerns BP als wichtigen Vermögenswert einzustufen für den – gemessen am Börsenwert – größten europäischen Konzern. „Der Rücktritt des Vorstandschefs stellt ein nicht zu vernachlässigendes Risiko für BP dar“, warnt Mark Iannotti, Branchenexperte von Merrill Lynch.

Doch dieses Risiko wird sich kaum vermeiden lassen. Heute wird Browne gewohnt kühl und autoritär im BP-Haus am vornehmen St. James’s Square im Londoner Westend die Halbjahresergebnisse vorstellen. Doch hinter der kultivierten Kulisse tobt ein Streit um die Position des Vorstandschefs, der zusehends zur Belastung für BP und zur Gefahr für Brownes makellosen Ruf wird.

Dass der kleine, drahtige Manager mit den Denkerfalten einen Rekordgewinn von knapp sechs Milliarden Pfund präsentieren wird, gilt angesichts der ungebrochenen Ölpreishausse als ausgemachte Sache. Viel wichtiger werden die Worte sein, die er zu seiner eigenen Zukunft findet. Die Altersgrenze für BP-Vorstände liegt bei 60 Jahren, und die erreicht Browne 2008. Schon seit Monaten diskutiert die Finanzszene, ob der Ölkonzern für den Ausnahmemanager nicht eine Ausnahme machen sollte.

Am vergangenen Freitag traf sich Browne mit Chairman Peter Sutherland, um die Rücktrittsfrage zu diskutieren. Am Montagmorgen schrieben die britischen Zeitungen bereits, dass Browne seinem Ruf als „britischer Preuße“ gerecht werden wird, und heute die Diskussion mit einer offiziellen Rücktrittsankündigung ein für alle Mal beendet.

Doch die Meldungen könnten verfrüht sein. Am Montag machten plötzlich Gerüchte um einen massiven Streit in der BP-Führung die Runde. Browne wolle sich nicht unter Druck setzen lassen und werde sich deshalb vorläufig nicht zur Rücktrittsfrage äußern, hieß es in Finanzkreisen. Im vergangenen April hatte Browne in einer Rede klar gemacht, dass er an eine bestimmte Altersgrenze gekoppelte Rücktrittsregelungen nicht für sinnvoll hält. Er wolle nicht den Rest seines Lebens Golf spielen.

Egal, wie der Streit ausgeht – mit der öffentlichen Diskussion um Brownes Zukunft ist das Rennen um den BP-Chefsessel offiziell eröffnet. Als Favorit gilt in der Londoner City Tony Hayward, verantwortlich für Ölförderung und -produktion von BP. Aber auch Haywards Stellvertreter Andrew Inglis sowie Iain Conn, dem Vorstand für Sicherheit und Umwelt, räumen Analysten Chancen ein. Schließlich stehen noch John Manzoni, Leiter der Bereiche Raffinerien und Marketing, und Robert Dudley, Chef des russischen Joint Ventures TNK-BP, auf der Liste möglicher Nachfolger.

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