Russland
Der Berg ruft

Anatolij Tschubais hat schon einige fast unlösbare Aufgaben gemeistert. Jetzt geht er die nächste an: Russland im Kreml-Auftrag zum High-Tech-Land zu formen.
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MOSKAU. Anatolij Tschubais setzt sich in ein Taxi und macht es sich auf der Rückbank gemütlich. "Wohin soll es gehen?" fragt der Fahrer. "Das ist egal", antwortet der prominente Fahrgast. Als der Mann ihn verdattert anschaut, fügt er grinsend hinzu: "Man braucht mich doch überall!"

Ein Witz - bezeichnenderweise findet er sich auf Tschubais persönlicher Webseite. Dort hat der ehemalige russische Vizepremier, liberale Wirtschaftsreformer, Strippenzieher und Manager eine ganze Rubrik mit Anekdoten über sich selbst eingerichtet. Letztere gehört noch zu den schmeichelhaften, sie trifft aber auch ganz gut.

Tschubais, der mehrere Attentate überlebt hat, ist ein Phänomen: Buhmann der Nation, bisweilen unbequemer Kritiker "der Macht" und dennoch immer wieder an ihren Schalthebeln. Nachdem er im Sommer die zähe Liberalisierung des russischen Strommarktes abgeschlossen hat, soll er jetzt als Chef der milliardenschweren Staatsholding Rosnanotech im Rohstoffreich Russland den Boden für die kleinste Sache der Welt bereiten: Nanotechnologie. Kreml-Chef Dmitrij Medwedjew hat ihn gerufen. Der "rote Tolik", so sein Spitzname, den der 53-Jährige der Farbe seines Schopfes verdankt, kommt gerne.

Die Gerüchte, dass er auf die eine oder andere Weise dem neuen Präsidenten dienen werde, kreisten in Moskau schon eine ganze Weile. Tschubais, bekannt für seinen Sarkasmus und seine Selbstironie, hatte sich aber einen Spaß gemacht, mit der Rente zu kokettieren. Anfang des Jahres hält er für Topmanager auf dem Wirtschaftsforum in Davos eine mit reichlich Anekdoten gewürzte private Vorlesung über den russischen Energiesektor. Das letzte Chart zeigt einen schneebedeckten Berg - als Anspielung auf den Umfang der Strommarktreform. Auf die Frage, was die Fahne auf dem Gipfel bedeute, antwortet Tschubais kurz: meine Pensionierung.

Noch als er in strömendem Regen und sichtlich bewegt im Juli die Flagge des abgewickelten Strommonopolisten RAO UES, den er zehn Jahre geführt hatte, vor dem alten Hauptquartier einholte, lautet die Lieblingsreaktion auf die Frage nach seiner beruflichen Zukunft: "Zwei Jahre ausschlafen."

Der im weißrussischen Borissow als Sohn eines Offiziers geborene Tschubais ist aber keineswegs einer, der Entspannung sucht. Im Urlaub mag er es gerne auch mal hart. Wenn er mit seinen Freunden zu wilden Treckingtouren in die Natur aufbricht, bleibt kein Auge trocken. Es muss schon eine echte Herausforderung sein, sonst macht es keinen Spaß. Tschubais ist ein Kämpfer, der die Gefahr förmlich sucht. Bei einem Jetski-Ausflug auf das stürmische Weiße Meer im hohen Norden Russlands geht er dabei einmal beinahe verloren.

In den 80er-Jahren gehört er zu den "Wirtschaftsdissidenten", einer Gruppe junger Ökonomen, zu der auch Russlands heutiger Finanzminister Alexej Kudrin zählt. Sie diskutieren im damaligen Leningrad in privaten Zirkeln marktwirtschaftliche Theorien und Reformen. Viele von ihnen prägen die russische Politik der neunziger Jahre. Immer dabei: Tschubais in unterschiedlichen Regierungsfunktionen. Nach den misslungenen Privatisierungen gilt der Mitgründer der liberalen Partei SPS schließlich als der Verantwortliche für die "Oligarchenwirtschaft" und die Verarmung weiter Teile der Bevölkerung.

Mindestens 40 Millionen Russen seien davon überzeugt, "dass ich ein Halunke, Dieb, Verbrecher oder Agent der CIA sei, der erschossen, gehängt oder gevierteilt gehört", sagt er. "Es ist alles die Schuld von Tschubais", hatte schon Präsident Boris Jelzin betont, als er den damaligen Vize-Ministerpräsidenten Anfang 1996 vor laufenden Kameras feuerte - um ihn nur wenige Monate später zum Cheforganisator seines Wahlkampfs zu machen, in den Millionen aus den Kassen der neuen Reichen fließen.

Das Stehaufmännchen Tschubais bringt es dann wieder zum Finanzminister - einen Posten, den er aber nur wenige Monate hält: Er stolpert über einen Skandal, in den seine Investmentgesellschaft Montes Auri ("Goldene Berge") verwickelt ist. Tschubais bestreitet stets vehement, sich selbst dabei bereichert zu haben. Als Chef des Stromriesen RAO UES gelingt es ihm dann aber, die Liberalisierung des russischen Strommarktes gegen große Widerstände umzusetzen. Eine Leistung, die ihm auch unter westlichen Managern hohe Wertschätzung bringt. Seine Partei, die SPS, versinkt derweil in der absoluten politischen Bedeutungslosigkeit. Trotz seiner scharfen Zunge wagt Tschubais nicht den Frontalangriff auf das "System Putin".

Nun also Rosnanotech: 130 Milliarden Rubel (3,5 Milliarden Euro) hat die Regierung für das Projekt bereitgestellt, das als ein Aushängeschild für Putins Modernisierungspolitik gilt. Seit der Gründung vor einem Jahr hat Tschubais Ex-Vize beim Stromkonzern UES, Leonid Melamed, dort Aufbauarbeit geleistet. Beobachter in Moskau unken, er habe vor allem verhindert, dass das Geld in irgendwelchen Taschen versickerte. Bei Rosnano sitzen auch Vertreter unterschiedlicher Kreml-Clans in der Führung. Tschubais Job sei es auch, dort für die nötige Balance zu sorgen, heißt es am Zentrum für politische Konjunktur, einer Moskauer Denkfabrik.

Ob Russland mit Rosnano aber schnell den Sprung an die High-Tech-Weltspitze schafft, gilt als unwahrscheinlich. Im Land fehlt es bisher vollständig an der nötigen Infrastruktur aus Wissenschaft und kleinen Firmen. Immerhin haben einige Oligarchen begonnen, sich für das Projekt zu interessieren, darunter der Stahlmagnat Alexej Mordaschow.

Wieder ein schwieriger Job also für Tschubais. Doch dieser, so meint Witalij Iwanow vom Zentrum für politische Konjunktur, sei nicht vergleichbar mit der Größe der Aufgaben, die er in der Vergangenheit angepackt habe. Ehrenhaft sei die neue Position und gut dotiert, doch im Grunde ein wenig wie Rente.

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