„Sandy“ machte einzigartige Karriere
Prince wird neuer Citigroup-Chef

Im Alter von 70 Jahren zieht sich Sanford Weill, langjähriger Chef des weltgrößten Finanzdienstleisters Citigroup, schrittweise aufs Altenteil zurück. Weill gab gestern bekannt, dass er Anfang 2004 den Posten des Chief Executive Officer (CEO) abgibt. Sein Nachfolger wird Weills Weggefährte Charles Prince. Die Citigroup-Aktie verlor im New Yorker Handel fast drei Prozent.

NEW YORK. Der gerlernte Jurist Prince arbeitet bereits seit über 20 Jahre mit Weill zusammen und führt seit vergangenem Jahr die Citigroup-Investmentbank. Neuer Leiter für das operative Geschäft (Chief Operating Officer) wird Robert Willumstad. Er führt derzeit in der Position des Präsidenten die Citigroup-Privatkundensparte. Dieser Bereich erwirtschaftete zuletzt über die Hälfte des Citigroup-Gewinns.

Weill behält bis 2006 das Amt des Chairman und will weiter eine aktive Rolle spielen. „Ich liebe Citigroup, und ich glaube, dass ich noch eine Menge beizutragen habe“, sagte Weill gestern in einer Telefonkonferenz. Allerdings betonte die Wall-Street-Legende, dass er einen echten Führungswechsel anstrebt. „Es sollte kein Zweifel daran bestehen, dass Chuck und Bob künftig diese Firma führen“, sagte Weill.

Experten erwarten allerdings, dass der machtbewusste Manager weiter die Fäden bei dem Bankkoloss ziehen wird, der 1998 aus der Fusion von Weills Travelers Group mit der Citibank entstand. „Ich würde mich wundern, wenn er einen Schritt zurückgeht“, sagte Fondsmanager Stephen Berman von Stein Roe Investment.

„In unserer alten Firma war Sandy auch Chairman, nicht CEO, und er hatte trotzdem den größten Einfluss“, zitiert Bloomberg Weills einstigen Geschäftspartner Arthur Levitt, der zwischenzeitlich die US- Börsenaufsicht SEC leitete.

In den USA gibt es keine Trennung zwischen Aufsichtsrat und Vorstand. Weill übte, wie die meisten US-Konzernchefs, das Amt des CEO (geschäftsführender Vorstand) und des Chairman (Leiter der Unternehmensführung) in Personalunion aus.

Als vierte Kraft im künftigen Führungsteam präsentierte Citigroup gestern den amtierenden Finanzchef Todd Thomson. Seine Kompetenzen werden im Zuge der Neustrukturierung deutlich ausgebaut.

„Wir arbeiten alle seit vielen Jahren zusammen und sind wirklich gute Freunde“, sagte Weill. Er sei stolz darauf, eine interne Nachfolgelösung gefunden zu haben.

Der an der Wall Street nur „Sandy“ genannte Weill blickt auf eine einzigartige Karriere zurück. Der Sohn osteuropäischer Einwanderer begann seinen Aufstieg in den 1960er Jahren als Mitgründer der kleinen New Yorker Investmentboutique Carter, Berling, Potoma & Weill. Über eine lange Stufenleiter von Übernahmen und Fusionen kletterte er schließlich 1998 an die Spitze der frisch fusionierten Citigroup. Wenig später gelang es ihm auch, seinen Gegenspieler John Reed, zuvor Leiter der Citibank, auszubooten. Der zunächst als Co-Chef der Citigroup amtierende Reed hatte sich von Travelers-Chef Weill zu der Fusion überreden lassen. Doch seine Hoffnung, Weill werde Reed als dem Jüngeren und Vertreter des größeren der beiden Fusionspartner das Feld überlassen, erwiesen sich als Fehlschluss.

Im vergangenen Jahr kämpfte die Citigroup mit einer Skandalwelle. Die inzwischen in Global Corporate & Investment Bank umbenannte Ex-Sparte Salomon Smith Barney zahlte in einem Vergleich mit den US-Behörden 400 Mill. $, um Vorwürfe unseriöser Aktienstudien beizulegen. Weill persönlich musste eingestehen, dass er seinen einstigen Staranalysten für Telekommunikationswerte Jack Grubman aufgefordert hatte, einen „frischen Blick“ auf seine Einschätzung zur AT&T-Aktie zu werfen. Anlegerschützer kritisierten dies als subtilen Druck, um sich mit positiven Analysen dem Firmenkunden AT&T anzudienen.

Doch Weill überstand die Krise. Er etablierte eine scharfe Trennung zwischen Investmentbanking und Aktienanalyse und machte die anerkannte Expertin Sallie Krawcheck zur Chefin der neuen Analysesparte Smith Barney. Gleichzeitig baute Weill seine Bank weiter aus. So verkündete er erst am Dienstag den Kauf des 30 Mrd. $ schweren Kreditkartenportfolios des US-Einzelhändlers Sears Roebuck.

Geschäftlich spielt Weills Citigroup längst in einer eigenen Liga. In den ersten sechs Monaten 2003 verdiente sie sage und schreibe 8,4 Mrd. $. Im vergangenen Jahr war sie mit einem Ertrag von 15,276 Mrd. $ der profitabelste Konzern der Welt.

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