SAP-Indien-Chef Clas Neumann
„Ich glaube an Netzwerke“

Clas Neumann ist Gewinner der „Karriere des Jahres 2005“ und SAP-Indien-Chef. Im Interview mit dem Handelsblatt spricht der Manager über Indien, sein Verhältnis zu seiner Heimat Deutschland und die Fähigkeit, Beruf und Privatleben zu trennen.

Wie schaffen Sie es, so entspannt zu wirken?

Ich lasse mich nicht zu sehr von den täglichen Ereignissen unter Druck setzen, sondern behalte die große Linie im Auge. Das ist meine Lebenseinstellung. Um die Probleme von morgen kümmere ich mich auch erst morgen. Ich male mir nie aus, was im schlimmsten Fall passieren könnte. Gestern saß ich mal wieder auf dem Flughafen in Bangalore fest, da mein Flug gestrichen wurde. Da habe ich nicht den Panikknopf gedrückt, sondern mir gesagt, das kann ich jetzt nicht ändern. Dann müssen die Kollegen in Mumbai eben warten.

Haben Sie diese Gelassenheit in Indien gelernt?

Eins steht fest: Indien ist kein Land für Choleriker. Ich bin ein positiv eingestellter Mensch. Selbst aus einer Pleite kann ich noch etwas Positives lernen. Nämlich, dass man das nächste Projekt eben besser leitet. Diese Einstellung habe ich sehr früh gelernt. Während meines Studiums habe ich in einer Behindertenwerkstatt gejobbt. Da musste ich mich allein um neun schwerst geistig und körperlich behinderte Menschen kümmern. Dort habe ich erfahren, was echter Stress ist. Als ich später bei der Bank gearbeitet habe, habe ich mir gesagt: Gegenüber dem Druck, für neun Menschen verantwortlich zu sein, relativiert sich die Aufgabe, mit Geld umzugehen.

Wie bauen Sie Stress ab?

Ich habe die Fähigkeit, berufliche von privaten Dingen zu trennen. Das erfordert gerade in der heutigen Welt große Disziplin. Am Sonntag bleibt mein Blackberry immer in der Arbeitstasche, da gehört der Vater seinen Kindern. Erstaunlicherweise ist auch noch nie sonntags etwas passiert, das mein sofortiges Eingreifen erfordert hätte. Montag morgens bin ich frisch für den Rest der Woche im Büro.

Wie starten Sie in den Tag?

Ich frühstücke mit meinen Kindern, bringe sie zum Schulbus und mache dann gemeinsam mit meiner Frau 45 Minuten lang Fitness. Mein Arbeitstag ist – schon wegen der Zeitverschiebung – lang. 60 bis 70 Prozent meiner Zeit verbringe ich in Video- oder Telefonkonferenzen mit internationaler Beteiligung. Das Büro verlasse ich selten vor 21 Uhr. Ich bin der einzige aus dem SAP Senior Executive Team, der in Indien lebt. Da kann ich nicht erwarten, dass alle Meetings sich nach der indischen Zeit richten.

Fühlen Sie sich in Bangalore zu Hause?

Einserseits ist es natürlich unser zu Hause geworden, mein Sohn ist sogar hier geboren, aber es wird nie wirklich unsere Heimat werden. Die Großfamilie ist Dreh- und Angelpunkt des gesellschaftlichen Lebens in Indien und ich habe eben keine indische Familie. In einigen Aspekten bin ich auch vorsichtiger geworden, besonders bei Freundschaften. Ich habe erlebt, dass Menschen, in denen ich echte Freunde gesehen hatte, sich abrupt von mir abgewandt haben, als unsere geschäftlichen Beziehungen auseinander gingen. Daraus habe ich gelernt. Mit meinen indischen Freunden habe ich keine geschäftlichen Beziehungen. So vermeide ich Enttäuschungen.

Fühlen Sie sich in Indien – weit weg von zuhause – immer mehr als Deutscher?

In der Tat habe ich im Ausland die Vorzüge der eigenen Kultur entdeckt. Gleichzeitig merke ich jedoch, dass der Erfahrungsschatz mich von denjenigen in Deutschland trennt, die das Land nie verlassen haben. Das erfahren besonders meine Kinder, wenn wir mal nach Deutschland kommen: Sie tun alles, um zu verschweigen, dass sie in Indien leben.

Sie leben und arbeiten 6 000 Kilometer von der Zentrale in Walldorf entfernt. Als Sie ins Senior Executive Team berufen wurden, hätten Sie nach Deutschland zurückkehren können. Sie haben sich bewusst für Indien entschieden, Sie wollten ihren Mitarbeitern ein Zeichen setzen. Haben Sie diese Entscheidung jemals bereut?

Nein. Was mich antreibt, ist etwas Neues zu erleben. Im Vergleich zu Indien herrscht in Deutschland Stillstand. Indien ist unser bei weitem am stärksten wachsender Standort. Das hat mir auch mehr Sichtbarkeit innerhalb von ganz SAP verliehen. Die Entfernung ist eigentlich kein großes Problem. Ich bin mindestens zwei Mal im Quartal in Deutschland und habe dort ein gut funktionierendes Netzwerk aufgebaut.

Ich weiß, wen ich anrufen kann. Man hilft sich im Firmenumfeld und auf persönlicher Basis. Dafür bleibe ich dann auch gerne mal eine Stunde länger im Büro. Es ist ein Irrglaube, wenn man denkt, man könne einfach aus Deutschland weggehen und dann darauf hoffen, irgendwie wieder zurück zu kommen. Das klappt nicht. Jeder ist für sein Netzwerk selbst verantwortlich.

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