Schlafforscher zum Extrem-Gipfel von Minsk: „Die Kanzlerin ist keine Eule“

Schlafforscher zum Extrem-Gipfel von Minsk
„Die Kanzlerin ist keine Eule“

In Minsk verhandelte die Kanzlerin 17 Stunden – auch die Nacht hindurch. Wie sie das durchstehen konnte, wie Sie herausfinden können, ob Sie dazu auch fähig wären und welche Wirkungen chronischer Schlafmangel hat.
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Verhandlungsdurchbruch. Am frühen Donnerstagmorgen konnte die Runde der Spitzenpolitiker, die im weißrussischen Minsk über eine Friedensvereinbarung für die Ostukraine verhandelt hatte, ein Ergebnis vermelden. Der Einigung ging harte Arbeit voraus: 17 Stunden lang saßen Angela Merkel, Frankreichs Präsident Francois Holland, Wladimir Putin und Petro Poroschenko letztlich zusammen. Eine Nacht ohne Schlaf für alle. Ist der Mensch unter diesen Voraussetzungen überhaupt noch leistungsfähig? Was bewirkt Schlafmangel? Ein Interview mit Dr. med. Dieter Kunz, Chefarzt der Klinik für Schlaf- und Chronomedizin am St. Hedwig-Krankenhaus in Berlin.

Herr Kunz, in Minsk verhandelte Kanzlerin Angela Merkel 17 Stunden am Stück, die ganze Nacht. Ab wann wird Schlafmangel zum Problem?
Das ist individuell sehr unterschiedlich. Was für den einen gilt, gilt für den anderen nicht. Es gibt Menschen, die kommen mit 4 Stunden Schlaf blendend aus und es gibt welche, die brauchen unbedingt 9 Stunden. Das zweite ist: Wenn ich dann von dieser individuellen Menge, die ich benötige abweiche, gibt es ein paar grundsätzliche Dinge zu beachten. Jemand, der bereits mit einem Schlafdefizit in eine solche Situation hineinkommt wird schneller entgleisen und eine deutliche Abnahme seiner Leistungsfähigkeit erleiden, als jemand, der gut ausgeruht hineingeht. Das ist trivial, wird aber häufig nicht beachtet. Gut ausgeschlafen in solche Schlafentzugssituationen zu kommen ist das A und O.

Merkel hatte ja bereits drei anstrengende Tage hinter sich, als die Verhandlungen in Minsk begannen, die anderen hingegen nicht. Sie könnte also einen Nachteil gegenüber Putin und Poroschenko gehabt haben…
Wenn sie mal eine Nacht nicht schlafen, hat das kaum Einfluss auf die Leistung. Wenn Sie schon mit einem Defizit in eine solche Nacht gehen, kann es nicht nur zu Leistungseinbußen führen, sondern auch zu emotional schwierigen Situation bis zu depressiven Verstimmungen.

Die Kanzlerin bezeichnete sich selbst einst als „Kamel“, ihr wird die Fähigkeit nachgesagt, über Nickerchen wieder aufzuladen. Funktionieren die sogenannten Power-Naps?
Das ist von Mensch zu Mensch unterschiedlich. Es gibt Menschen, die sehr stark durch ein System von inneren Uhren getaktet werden und andere, die nicht so stark durch dieses System beeinflusst sind. Gerade bei dieser zweiten Hälfte scheint es so zu sein, dass sie durch ein kurzes Nickerchen ihr Schlafdefizit abbauen können. Andere, bei denen die innere Uhr im Vordergrund steht, sind dazu nicht in der Lage.

Was hat das für Folgen?
Die Menschen, bei denen das System an inneren Uhren sehr stark ist, können sehr schwierig in der Nacht verhandeln. Diese Schlaftypen können morgens um 4 oder 5 Uhr keine Leistung mehr bringen, egal wie viel oder wenig Schlafentzug sie zuvor gehabt haben. Da steht das gesamte System auf Schlafmodus und selbst wenn sie wach sind, werden sie keine wirkliche Leistung erreichen. Der Verdacht ist, dass die Kanzlerin keine Eule ist, also nicht so stark durch dieses System getaktet ist.

Wenn Schlaf keine Option ist – helfen Aufputschmittel? Hilft Koffein?
Eine schwierige Frage. Kaffee wirkt nur auf ein System, es ist ein sogenannter Adenosin-Antagonist und nimmt damit die akute Schläfrigkeit, die durch Adenosin-Veränderungen bedingt wird. Alle anderen Dinge werden dadurch nicht beeinflusst. Die Schläfrigkeit als solche ist weg, die mangelnde Leistungsfähigkeit, z.B. durch längerfristig fehlenden Schlaf, kommt dadurch nicht zurück.

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