Schmiergeld-Skandal
Ein Sonnenkönig von Siemens Gnaden

Der frühere AUB-Chef Wilhelm Schelsky muss sich vor Gericht verantworten. Er soll für gefälliges Verhalten hohe Schmiergelder von Siemens erhalten haben. Ebenfalls angeklagt wird der frühere Zentralvorstand des Konzerns, Johannes Feldmayer.
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MÜNCHEN. Es ist ein regnerischer Tag, doch die Gemüter sind erhitzt. Seit Wochen schon kämpft die IG Metall gegen eine Reform des Betriebsverfassungsgesetzes. An diesem Tag im Jahr 2001 versammeln sich die Gewerkschafter zu einer kleinen Demonstration vor der Agentur für Arbeit in München. Arbeitgebervertreter haben eine Gegendemonstration angemeldet. Mitten unter ihnen steht ein Mann im Trenchcoat. Trotz des schlechten Wetters trägt er eine Sonnenbrille.

Es ist Wilhelm Schelsky, Gründer der Arbeitnehmerorganisation AUB, der sich hier gegen die IG Metall stellt. "Bei dem Anblick habe ich eine Gänsehaut bekommen", erinnert sich Michael Leppek von der Münchener IG Metall. Die AUB war der Gewerkschaft schon immer ein Dorn im Auge. Sieben Jahre nach jener Demonstration in München hat die Staatsanwaltschaft jetzt Anklage erhoben gegen Schelsky. Er soll große Mengen Schmiergeld von Siemens angenommen haben. Für Leppek ist der nahende Prozess "schon eine späte Genugtuung".

Die AUB war, das kann man heute wohl bereits sagen, eine Arbeitnehmerorganisation von Siemens Gnaden. Zweistellige Millionenbeträge sind über Beraterverträge an Schelsky geflossen. Dieser räumte in einem Interview freimütig ein: "Ich war verdeckt als Lobbyist für Siemens tätig." Konkrete Aufträge habe er von dem Unternehmen zwar nicht bekommen, aber offenbar war klar, was von ihm erwartet wurde. "Man hat mir vertraut."

Schelsky hatte seine Karriere 1978 bei Siemens in Erlangen begonnen. Hier war wenige Jahre zuvor die Aktionsgemeinschaft unabhängiger Betriebsräte gegründet worden, später umbenannt in Arbeitsgemeinschaft unabhängiger Betriebsangehöriger (AUB). Schelsky ließ sich bald in den Betriebsrat in Erlangen wählen und wurde Vorsitzender der AUB. Mehr als 20 Jahre führte der Jurist die Gegenorganisation zur IG Metall - bis eines Tages die Staatsanwaltschaft vor seiner Villa stand und ihn festnahm. Seit gut einem Jahr sitzt er in Untersuchungshaft.

Suspekt war Schelsky vielen. Er lebte auf großem Fuß, stieg bei Firmen ein, sponserte Fußballvereine. "Er gebärdete sich schon wie ein Sonnenkönig", sagt einer aus seinem Umfeld. Kürzlich räumte ein CDU-Bundestagsabgeordneter ein, Spenden von Schelsky erhalten und nicht gemeldet zu haben. Auch die AUB lebte lange bei niedrigen Mitgliedsbeiträgen zu gutem Teil vom dem Geld, dass von ihrem Vorsitzenden kam.

Heute will die Organisation nichts mehr von Schelsky wissen. Kürzlich wurde er aus der AUB ausgeschlossen. "Der Herr Schelsky ist so eine Art Tschernobyl der AUB", sagt ein Sprecher der Organisation. Über Jahrzehnte habe er viel Energie geliefert, dann sei das Ganze in die Luft geflogen. Nun sei alles verstrahlt, die Affäre werde der AUB wohl noch lange nachhängen. Viele Mitglieder sind ausgetreten. Dennoch will die neue AUB-Führung weitermachen. "Die Idee einer gewerkschaftsunabhängigen Arbeitnehmerorganisation ist ja rettenswert", sagt der Sprecher.

Gemeinsam mit Schelsky angeklagt ist nun der frühere Siemens-Zentralvorstand Johannes Feldmayer. Die Staatsanwaltschaft wirft ihm Untreue zulasten von Siemens vor. Er hatte das Thema zwar übernommen, aber neue Beraterverträge mit dem AUB-Chef unterzeichnet. Der im Unternehmen noch immer beliebte Feldmayer muss sich nun auf Schadensersatzforderungen einstellen. "Ohne Zweifel werden die Forderungen kommen", sagte ein Siemens-Aufsichtsrat gestern dem Handelsblatt.

Axel Höpner
Axel Höpner
Handelsblatt / Büroleiter München

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