Schufa-Chef Neumann im Profil
„Da blieb kein Stein auf dem anderen“

Zu den Kunden von Rainer Neumann zählen 95 Prozent aller erwachsenen Deutschen. Ein gutes Image hat sein Unternehmen deshalb noch lange nicht.

HB FRANKFURT. Das Ansehen der Schutzgemeinschaft für Absatzfinanzierung und Kreditsicherung (Schufa) liegt bei den 59 Millionen registrierten Einwohnern noch immer zwischen bedrohlich und mysteriös. Viele Verbraucher äußern ihr Missfallen darüber, dass die Regeln, nach denen das Unternehmen ihre Kreditwürdigkeit einstufe, für sie nicht transparent seien.

Seit 2000 ist Neumann Schufa-Chef. Doch mit dem schlechten Ruf möchte der 51-Jährige jetzt endlich aufräumen, nachdem er bereits erfolgreich die acht Gesellschaften des Unternehmens zur Schufa-Holding verschmolzen hat. Acht Vorstände und viele weitere leitende Angestellte waren von dem Umbau betroffen. Viele hatten Angst vor dem plötzlichen Umbruch und möglichen Machtverlust im vertrauten Unternehmen. Aber Widerstand war zwecklos. Heute sind alle überregionalen Prozesse in Wiesbaden zusammengeführt. Fünf regionale Standorte wurden erhalten. „Da blieb kein Stein auf dem anderen“, sagt ein Beobachter vom Bundesverband deutscher Banken. Das Unternehmen mit seinen rund 630 Mitarbeitern erzielte im vergangenen Jahr einen Umsatz von 57,2 Millionen Euro.

Die Befürworter von Neumann bezeichnen seinen Führungsstil als geradlinig, durchsetzungsstark und offen. Seine Kritiker titulieren ihn dagegen als „Dickkopf“, der von seinem Standpunkt, die gesamte Arbeit des Unternehmens von Wiesbaden aus zu steuern, nie auch nur einen Millimeter abgewichen sei. Einige Führungskräfte wurden vor die Wahl gestellt – Umzug oder Vertragsauflösung.

Neumanns überzeugendste Verhandlungsstrategie: Er „hat immer ein Argument mehr als sein Gegenüber“, sagt Aufsichtsratschef Hans- Peter Krämer. Um seinen Standpunkt begreiflich zu machen, holt Neumann als studierter Mathematiker auch schon einmal Zahlenkolonnen hervor, erläutert seine Ideen anhand von stochastischen Modellen und Scoring-Verfahren.

Neben den Banken musste der Schufa-Chef vor allem Telekommunikationsunternehmen und Versandhäuser von seinen Ideen überzeugen. Sie sind Hauptgesellschafter der Holding. Dabei kommt Neumann seine 20-jährige Berufserfahrung, zuletzt als Postbankchef, zugute. „Ich war immer am Puls des Marktes, und davon kann ich heute profitieren“, erklärt er seine bisherigen Erfolge.

Umbruch kam vielen zu plötzlich

Dennoch: Wo Wandel ist, ist Widerstand. Die Schufa bildet dabei keine Ausnahme. So hat das Unternehmen seit 1927 Kundendaten überprüft, um Kreditinstitute vor Zahlungsausfällen zu schützen. Mehr nicht. Da kam der von Neumann initiierte Umbruch alteingesessenen Führungskräften zu plötzlich. „Vielen leitenden Angestellten gefällt sein Kurs nicht. Sie haben sich stets für eine Schufa im Hintergrund stark gemacht und sehen das heutige Unternehmen mit Skepsis“, sagt ein enger Branchenkenner.

Aufsichtsratschef Krämer urteilt dagegen, dass Neumann „das System auf den Kopf gestellt und aus dem betulichen Datenlieferanten einen modernen Dienstleister gemacht hat“. Heute präsentiert sich die Schufa nicht mehr nur als Auskunft. Seit kurzem verkauft das Unternehmen auch Scoring-Systeme, mit denen die Ausfallwahrscheinlichkeit von Krediten berechnet wird, in die Niederlande und nach Österreich. Mit einigen Banken ist das Unternehmen im Gespräch, um Wissen für das Rating von Mittelständlern bereitzustellen.

Wenn Neumann von diesen Engagements zu erzählen beginnt, streicht er sich zufrieden über seinen Schnurrbart und erzählt begeistert davon, dass sein Unternehmen von Basel II, der neuen Eigenkapitalrichtlinie für Banken ab 2006, profitieren kann. „Wir wollen Kreditinstitute beim Unternehmensrating mit unserer Logistik unterstützen“, sagt er. Und das nicht nur auf dem deutschen Markt. Er verhandelt auch mit der osteuropäischen Finanzwirtschaft, um das Geschäftsmodell Schufa auch ins Ausland zu übertragen. In Verhandlungen beweist er dabei das Durchhaltevermögen des gut trainierten Marathonläufers. „Für die Schufa ist er überlebenswichtig“, urteilt beeindruckt einer seiner engsten Mitarbeiter.

Neumann hat schon viel erreicht und weiterhin große Pläne. Doch am Imageproblem der Schufa hat auch er sich bisher die Zähne ausgebissen. Jetzt erscheint im Herbst eine Studie, die den Verbrauchern klar machen soll, dass die Arbeit der Schufa wichtig ist – auch für sie. Die aktuelle Untersuchung zur Überschuldung der deutschen Haushalte versuche, die „Verbraucher gerade davor zu schützen“, wie Neumann nicht müde wird zu betonen. Er hofft, dass die Studie zum Umdenken anregt. So hätten allein zehn Prozent aller Jugendlichen einen negativen Vermerk bei der Schufa. Neumann regt deshalb vor der Schuldnerberatung einen rechtzeitigen, freiwilligen Finanzcheck an, „denn für Besucher einer Schuldnerberatung ist Hilfe häufig fast schon zu spät“, vermutet er.

Er selbst hat kurz nach dem Studium vergeblich auf Auskünfte von der Schufa gewartet: „Damals wollte ich mir ein Auto kaufen, und trotz guter Beziehungen zur heimischen Sparkasse hat die Überprüfung meiner Kreditwürdigkeit ohne Schufa-Unterstützung sich über Stunden hingezogen“, erzählt er. Vor Augen hat er dabei vermutlich die täglich 262 000 Auskünfte seines Unternehmens, das Prozesse dieser Art mittlerweile überflüssig macht.

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