Schweizer Bahnchef geht
Gesucht: Weibels Klon

Der Schweizer Bahnchef tritt ab. Jetzt wollen die Eidgenossen einen, der es genauso gut macht und zudem auch noch die Güterverkehrssparte in die schwarzen Zahlen bringt.

ZÜRICH. Sein Zug kommt etwa fünf Minuten früher an als geplant – genug Zeit, um vor dem Termin noch kurz in der Bahnhofsbuchhandlung vorbeizuschauen. Dort spricht ihn eine Dame an, die ein nettes Kompliment loswerden will: „Ich muss Ihnen sagen, wie schön das Bahnfahren ist.“

Deutsche-Bahn-Chef Hartmut Mehdorn kann von solchen Geschichten nur träumen, die sein Schweizer Kollege Benedikt Weibel vor kurzem erzählte. In der Buchhandlung am Zürcher Hauptbahnhof ist er auf seine gute Arbeit angesprochen worden. Weibel, 59 Jahre alt, weißgraues Haar, Schnauzbart, genauso viele Falten vom Lachen wie vom Denken, hat mit dieser Anekdote auf die Frage geantwortet: Wie lange er denn noch im Amt bleiben werde? Der Mann, dessen Antworten sonst immer geradeheraus und sehr direkt kommen, griff dieses Mal zu dieser Geschichte. Das war Anfang Februar.

Gut drei Wochen später hat er zur gewohnten Form zurückgefunden: Unumwunden kündigte der Chef der Schweizerischen Bundesbahnen (SBB) – mit 14 Jahren Amtszeit dienstältester oberster Lokführer in Europa und Aufsichtsrat bei der französischen SNCF – seinen Abgang an. Seine Begründung hatte nicht etwa mit den starken Verlusten im Güterverkehr zu tun, sondern war eher sportlich: Er wolle im Vollbesitz seiner Kräfte zurücktreten. „Deshalb gehe ich lieber ein bisschen zu früh als zu spät – auch wenn ich mir gesundheitlich keine Sorgen machen muss.“ Seine Zuhörer atmeten erleichtert auf.

Sie hatten sich wirklich Sorgen gemacht. Die Eidgenossen mögen ihren Bahnchef genauso, wie sie ihre Eisenbahn lieben. Im europäischen Vergleich liegen sie, was die Zahl der gefahrenen Bahnkilometer angeht, an der Spitze. Und wie das in einer echten Partnerschaft so ist, wird die Zuneigung erwidert: Das Unternehmen tut einiges, um sich die Liebe der Eidgenossen zu verdienen.

Die Züge sind pünktlich – mehr als 95 Prozent erreichen innerhalb einer Toleranz von fünf Minuten ihr Ziel. Der Fahrplan lässt sich gut merken – fast jeder Ort der Schweiz wird immer im gleichen Halbstunden- oder Stundentakt angesteuert. Die Preise sind übersichtlich: Jeder Zug kostet gleich viel, egal wie schnell er fährt. Knapp jeder dritte Schweizer hat ein „Halbtaxabo“ oder ein „Generalabonnement“, mit dem er für die Hälfte des regulären Preises oder umsonst fährt. Weibel hat mit solchen Angeboten ein Drittel der Eidgenossen zu seinen Stammkunden gemacht.

Dazu kommen einige Schrullen, die jeden Partner erst so richtig liebenswert machen: So bestehen Verträge, wonach die SBB den Schweizer Nationalzirkus Knie von Ort zu Ort befördert. Die Diskussionen über Rampen für Elefanten verleihen der SBB etwas tierisch Menschliches. Der Schweizer Kabarettist Emil hat der Gotthard-Strecke ein Denkmal gesetzt, in dem er beschrieb, wie häufig der Reisende dabei die Kirche des Dörfleins Wassen erblickt: Dreimal innerhalb von 15 Minuten, was an den kreisförmigen Tunnels im Berg liegt, die übereinander liegen. Immer wenn der Zug beim Aufstieg aus so einem Tunnel herauskommt, ist er hundert Meter höher.

Die Strecke ist ein Anachronismus aus dem Jahr 1882. In acht Jahren soll sie durch den neuen Gotthard-Tunnel ersetzt werden, der die Fahrtzeit von Stuttgart nach Mailand um mehr als eine Stunde verkürzt. Weibel ist dann 67, bei der Eröffnung dürfte er Ehrengast sein. Der SBB-Chef hat sich auch schon mal überlegt, ob er, statt als Pensionär seine Modelleisenbahn zu pflegen, die alte Gotthardstrecke in Schuss halten sollte. „Ist doch ein Weltkulturerbe“, glaubt er.

Die hohen Sympathiewerte für die Bahn und ihren Chef lassen die nackten Zahlen in den Hintergrund treten. Ohne Zuschüsse läuft wenig. Die SBB hat das Jahr 2004 mit einem Konzerngewinn von umgerechnet 28 Millionen Euro abgeschlossen, wobei sie im Personenverkehr ein Plus, im Güterverkehr aber ein dickes Minus eingefahren hat. Im Ergebnis sind erhebliche Leistungen von Bund und Kantonen eingerechnet sowie Geld, das aus der Lastwagen-Maut an die SBB fließt. Insgesamt summieren sich die Zuschüsse auf 1,3 Milliarden Euro. Im Güterverkehr läuft es vor allem auf der Nord-Süd-Strecke schlecht – nicht zuletzt nimmt die deutsche Railion AG, eine Tochter der Deutschen Bahn, den Schweizern Marktanteile ab. „Ich werde bei meinem Abgang sagen müssen: Dieses Problem hast du nicht gelöst“, räumt Weibel selbstkritisch ein.

Da der Güterverkehr aber etwas abseits des öffentlichen Interesses rollt, zetteln die Schweizer deswegen keinen Ehekrach an. Erschüttert hat sie eher eine Strompanne im vergangenen Sommer, als ein durchgebranntes Relais in einem unbedeutenden Stellwerk den gesamten SBB-Verkehr zwischen Genf, St. Gallen und Lugano für Stunden lahm legte – eine „unendlich peinliche Sache“, wie Weibel damals in seiner Entschuldigung gegenüber den Schweizern zugab. Sie haben ihm verziehen.

Jetzt suchen sie einen neuen Weibel. Am liebsten würden sie ihn „klonen“, sagte der Berner Verkehrsminister Moritz Leuenberger. Da das in der Schweiz verboten ist und auch sonst gute Gründe dagegen sprechen, wollen SBB-Verwaltungsrat und Politik auf die Dienste unabhängiger Personalberater vertrauen, die sich auf die Suche machen werden.

Wahrscheinlich fahnden sie nach einem Schweizer. „Ein Ausländer ist in diesem Amalgam von Politik, Medien und Gewerkschaften verloren“, sagt Weibel.

Theoretisch hätte übrigens Jens Alder Zeit und Erfahrung für den Job. Als ehemaliger Chef des Telekommunikationskonzerns Swisscom kennt er die von Weibel beschriebene Mischung genau. Die beiden sind befreundet und Alders Rücktrittsentscheidung ist wohl etwa zur gleichen Zeit gefallen wie die von Weibel. Alder hat sie nur früher öffentlich gemacht. Auch mit Minister Leuenberger verbindet den Ex-Swisscom-Chef ein Vertrauensverhältnis. Allerdings könnte seine Lust begrenzt sein, sich erneut von der Politik abhängig zu machen, die ihm bei der Swisscom am Ende das Leben schwer machte.

Benedikt Weidel:

1946: Er wird in der Schweiz geboren, studiert später an der Universität Bern Betriebswirtschaft, wo er auch als Assistent am betriebswirtschaftlichen Institut arbeitet.

1978: Er geht als Sekretär des damaligen Präsidenten der Generaldirektion zu den Schweizer Bundesbahnen, die noch ein staatlich geführter Betrieb sind.

1986: Weibel wird Marketingleiter für den Bereich Personenverkehr. Vier Jahre später wird er Leiter des Departements Verkehr. Das entspricht in Deutschland etwa dem Verkehrsministerium.

1993: Er wird Präsident der SBB, die 1999 in eine Aktiengesellschaft umgewandelt wird. Er verkleinert die SBB um 10 000 Mitarbeiter – ohne Kündigungen. Das rechnet ihm die Gewerkschaft hoch an. Weibel setzt das Projekt „Bahn 2000“ um, um die Zentren der Schweiz enger miteinander zu verbinden.

2006: Er kündigt an, zum Jahresende als SBB-Chef zurückzutreten.

Oliver Stock
Oliver Stock
Handelsblatt / Stellvertretender Chefredakteur
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