Schweizer Globalisierungskritiker
Jean Ziegler: Die Stunde des Provokateurs

In der Krise des Kapitalismus läuft der Schweizer Globalisierungskritiker Jean Ziegler noch einmal zur Hochform auf. Am Sonntag wird er 75 Jahre alt. Pünktlich zu seinem großen Fest genießt der Autor die große Krise des Kapitalismus und sieht seine Prophezeiungen bestätigt.

GENF. „Fassen Sie Mut und erhängen Sie sich“, schrieb ihm ein Metzger aus dem Zürcher Oberland. Der eindringlichen Bitte in dem zugestellten Paket lag noch ein Strick bei. Bei Jean Ziegler stapelte sich derartige Post wie bei anderen Schweizern die Werbeprospekte des örtlichen Supermarktes. „Das dokumentiert den geistigen Zustand meiner Heimat. Sehr, sehr beunruhigend“, klagt er noch heute. Die Aufforderung zum Selbstmord erhielt Ziegler Ende der neunziger Jahre, er hatte mit dem Buch „Die Schweiz, das Gold und die Toten“ seine Landsleute zum Kochen gebracht („Hitler war ein Traumkunde für unsere Banken“). Am Sonntag wird der Unternehmenskritiker und Bestsellerautor 75 Jahre alt.

Pünktlich zu seinem großen Fest genießt Ziegler die große Krise des Kapitalismus: Jetzt endlich scheinen seine Prophezeiungen vom unvermeidlichen Niedergang der Raffkes einzutreffen. „Der angloamerikanische Raubtierkapitalismus ist am Boden“, frohlockt er, um dann mit ernster Miene zu fordern: „Ein Nürnberger Tribunal soll die Gauner verurteilen, welche die Krise verursacht haben.“ Die Finanzmanager müssten sich wegen Verbrechen gegen die Menschlichkeit verantworten. Der Soziologe ahnt: Mit solchen Ideen kommt er nicht durch. Aber viele Medien gieren nach den griffigen Parolen des Jean Ziegler. So gibt der scharfzüngige Schweizer auch im Pensionsalter fleißig Interviews, ereifert sich in Schriften gegen die „Beutejäger, die Barone der transnationalen Konzerne, die Börsenspekulanten“.

Ein Lieblingsgegner: Der helvetische Nahrungsmittelkonzern Nestlé. Seine letzte Attacke gegen den Lebensmittelmulti („Die Krake von Vevey“) ritt der langjährige Sonderberichterstatter der Vereinten Nationen für das Recht auf Nahrung erst kürzlich im österreichischen Dokumentarfilm „We feed the world“. Vor allem das Publikum jenseits der helvetischen Grenzen feiert Ziegler als „engagierten Streiter gegen die Exzesse kapitalistischer Gewinnsucht“.

Das heimische Establishment aber hält seit Jahrzehnten den Daumen nach unten: „Mit seinen Nachlässigkeiten macht Ziegler es seinen Gegnern fast schon zu einfach“, urteilte die seriöse „Neue Zürcher Zeitung“. Andere Kritiker beschuldigen den Ex-Uni-Dozenten, er schiele vor allem auf Auflage, rühre Halbwahrheiten und die Auswüchse seiner Fantasie so gerissen wie geschmackvoll zusammen. Und tatsächlich: Die Ziegler-Schriften gingen weltweit millionenfach über den Ladentisch. Allein im deutschsprachigen Raum verkaufte sein aktueller Verlag C. Bertelsmann über 400 000 Exemplare.

Vielleicht liegt sein Drang, die Welt zu verbessern, in seiner Herkunft begründet: Ziegler kam als Sohn eines protestantischen Amtsrichters in Bern zur Welt. Gleich nach dem Abitur kehrte er dem spießigen Elternhaus den Rücken, ging nach Paris. Inspiriert von nächtelangen Diskussionen in kommunistischen Zirkeln und dem Philosophen Jean-Paul Sartre, zieht es ihn weiter als Uno-Sonderbeauftragten in den Kongo-Krieg, wo er sich im Angesicht niedergemetzelter Kinder schwört, „nie mehr – nicht einmal mehr zufällig – auf der Seite der Henker zu stehen“.

Dann konvertiert er gleich mehrdimensional: von der Jurisprudenz zur Soziologie, vom Gemäßigten zum Sozialisten, vom Deutschen zum Französischen – und von Hans Ziegler zu Jean Ziegler. Immer wieder sucht der Querulant auch die Nähe der Diktatoren. Libyens Muammar el Gaddafi und Kubas Fidel Castro führten schließlich den gleichen Kampf wie er: gegen den US-Imperialismus und seine Helfer.

In einem seiner erfolgreichsten Bücher, „Die Schweiz wäscht weißer“, geißelte Ziegler schon vor zwanzig Jahren die eidgenössischen Banken als „Finanzdrehscheibe des internationalen Verbrechens“. Seine frühe Forderung, das Schweizer Bankgeheimnis abzuschaffen, brachte die Bankiers aus Zürich und Genf damals in Rage.

Jetzt aber musste die Regierung in Bern auf Druck der USA und der EU die Lockerung des Bankgeheimnisses verkünden – für Ziegler eine späte Genugtuung.

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