Schweizer Unternehmerverband: „Die Guillotine darf nicht fallen“

Schweizer Unternehmerverband
„Die Guillotine darf nicht fallen“

Die internationalen Unternehmen in der Schweiz sind nach dem Volksentscheid zur Zuwanderung entsetzt. „Es wird extrem schwierig zu planen“, warnt der Verbandgeschäftsführer der Schweizer Unternehmen in Deutschland.
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Helge Rühl ist Geschäftsführer der Vereinigung Schweizerischer Unternehmen in Deutschland. Der Volksentscheid schockiert die internationalen Unternehmen im Nachbarland.

Herr Rühl, die Schweiz hat sich für eine Begrenzung der Zuwanderung entschieden. Was ist die Reaktion aus Sicht der internationalen Unternehmen?

Wir sind erstaunt, um es charmant auszudrücken. Das Stimmergebnis ist äußerst ärgerlich. Gerade für die Geschäftsbeziehungen zwischen der Schweiz, Deutschland und der gesamten EU ist das ein herber Rückschlag. Wir hoffen, dass die Verhandlungen mit der EU jetzt einen guten Weg nehmen und die Auswirkungen auf den Wirtschaftsverkehr nicht allzu groß sind.

Was ärgert Sie am meisten?

Das Schweizer Stimmvolk hat emotional entschieden, aber der Beschluss ist nicht in die Zukunft gerichtet. Die EU hat jetzt das Recht, die bilateralen Verträge mit der Schweiz zu kündigen – und damit auch den freien Warenverkehr. Der ist für die Unternehmen aber von extremer Bedeutung.

Es gibt eine dreijährige Frist, bis zu der der Entscheid umgesetzt werden muss. Welche Auswirkungen erwarten Sie bereits kurzfristig?

Hoffentlich keine. Aber natürlich ist es jetzt extrem schwierig zu planen – sowohl für Schweizer Unternehmen in Deutschland als auch umgekehrt. Die Investitionen könnten einbrechen. Und es ist bei unseren Mitgliedern auch alltägliche Praxis, dass Mitarbeiter mal in Deutschland, mal in der Schweiz arbeiten. Diese Möglichkeit muss erhalten bleiben. Und es gibt auch Zehntausende Grenzgänger, die in Deutschland wohnen und in der Schweiz arbeiten. Auch diese dürfen nicht gefährdet werden.

Welche Kompromisse erhoffen Sie sich für die Detail-Verhandlungen?

Wir hoffen, dass nicht mit der Brechstange vorgegangen wird. Wir appellieren auch an Deutschland, die kommenden Entscheide in vernünftige Bahnen zu lenken. Die sieben bilateralen Verträge mit der EU könnten aufgekündigt werden wegen des gestrigen Votums. Die Guillotine darf aber nicht fallen.

Die Schweiz hat extrem viele stark international ausgerichtete Konzerne. Haben Sie Sorge, dass sich auch für die bestehenden Beschäftigungsverhältnisse etwas ändern könnte?

Bei den Konzernen wie ABB, Novartis oder Roche wird Internationalität geatmet. Wir hoffen ganz stark, dass sich am Status quo nichts ändert. Aber der beschlossene Text belässt viel Verhandlungsspielraum. Bei der Umsetzung der Initiative müssen die Kontingente für ausländische Arbeitskräfte großzügig bemessen werden. Es ist so schon schwer, den Bedarf an Fachkräften zu decken.

Martin Dowideit, Leiter Digitales, Handelsblatt.
Martin Dowideit
Handelsblatt / Leiter Digitales

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  • Sehr geehrter Herr Rühl. Wir kennen uns und ich schätze Ihre Arbeit. Dass es sie "ärgert, dass die Menschen emotional entschieden haben" ist wohl keine gelungene Aussage und Sie sollten als Kenner des Landes, des politischen Umfeldes und der aktuellen Situation von Verurteilungen absehen. Ich hätte mir ein anderes Resultat gewünscht. Ich stecke die "Ja" Stimmer aber nicht in eine Ecke von Hinterwäldlern, die sich nicht um ihre Zukunft sorgen. Wirtschaft ist ein wesentlicher Faktor, ist aber nicht alles. Zuwanderung ist im Grunde positiv. Aber auch Sie wissen, dass es auch ungewollte Effekte hat und nicht zu glorifizieren ist. Unsere Politik und auch die Unternehmen habe zu lange eindeutige Signale ignoriert. Die Initiative will die Zuwanderung nicht stoppen. Leider ist aber auch Vieles unkontrollierbar geworden und läuft aus dem Ruder. Ich rate den vielen Experten jetzt mal von Schuldzuweisungen, Anklagen und Empörung abzusehen. Die Suppe ist noch nicht gegessen. Weiter stelle ich fest, dass in vielen Foren die Schweiz als "Rosinenpicker" abgestempelt wird. Die Bilateralen Verträge basieren auf Vor- und Nachteilen für beide Seiten. Die Schweiz ist also nicht nur Profiteur ohne Verantwortung. Wenn Sie hinter die Kulissen schauen - und Sie können das, dann werden Sie feststellen, dass viele Probleme im Detail liegen. Was sagen Sie zur Situation im Kanton Tessin? Die Schweiz profitiert seit Jahrzehnten und das umliegende Ausland (speziell Frankreich) profitiert auch, indem nämlich Leute gut bezahlte Arbeit finden, die sie in ihrer Region nicht mehr finden können. Wir beklagen uns über Fachkräftemangel haben es aber seit Einführung der PFZ verpasst genügend junge Leute auszubilden. Es ist halt billiger "Fachkräfte" zu importieren als auszubilden. Es ist beileibe keine nur "emotionale" Entscheidung. Noch nie habe ich in ausländischen Medien so oft über Fremdenfeindlichkeit gelesen wie in den letzten drei Tagen. Bei einem Ausländeranteil von 24 % = Kommentar überflüssig!

  • Ich bin seit 20 Jahren selbständiger Unternehmer und hafte mit meinem Privatvermögen und jenes meiner Frau. Es ist immer schwierig die Zukunft zu planen. Das gehört aber zum alltäglichen Business. Wenn das ein Manger, der angestellt ist, nicht kann, ist er am falschen Platz, Sorry!!

  • Traurig, das als Schweizer sagen zu müssen - unsere Wirtschaftsbosse und die Mehrheit der Politiker hat jeden Bezug zur Realität verloren. Diesbezüglich unterscheidet sich die Schweiz auch nicht von anderen Ländern.
    Der Wirtschaft geht es um Profitoptimierung und nicht um Arbeitsplätze. Dabei werden sie sogar von der SP unterstützt, in deren Führung es auch nur noch um den besten Posten, nicht aber um die Interessen der Arbeitnehmer mehr geht. Diese kollektive Lobby arbeitet gut, hat in der Schweiz einfach die direkte Demokratie im Weg...
    Die EU-Bürokratie hat offenbar Panik in ihren Mitgliedsländern die Bevölkerung zu befragen oder abstimmen zu lassen - wohl nur, weil ihr das Ergebnis eigentlich bekannt ist.
    Tragisch ist doch, dass die EU-Bürokratie ihr Machtspiel auch mit den Mitgliedsländern treiben kann und Deutschland schlicht zum Zahlmeister machen konnte. Kaum weil die bundesdeutsche Bevölkerung das selbst will und wollte sondern wohl eher, weil die Politik sich aus dem Kniefall vor Brüssel und der Wirtschaft nicht mehr aufrichten kann.

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