Sein Zweitjob wird zermürbend bleiben
Diplomat in tragischer Mission

Bernd Lüthje, der Aufsichtsratsvorsitzende der WestLB, soll es allen recht machen.

DÜSSELDORF. Wer alle Fäden in der Hand halten soll, sitzt schnell zwischen allen Stühlen. Diese Erfahrung macht derzeit Bernd Lüthje, der Aufsichtsratsvorsitzende der WestLB. Ein Beobachter aus dem Umfeld der WestLB sagt knapp: „Lüthje spielt eine tragische Rolle.“

In der Aufsichtsratssitzung am vergangenen Dienstag glitten ihm die Fäden der Diskussion zeitweise aus der Hand. „Er hatte das nicht im Griff“, berichtet ein Teilnehmer. Lüthje, der sonst so Besonnene, zeigte in Münster empfindliche Reaktionen und konnte heftige Gefühle nicht verbergen, wenn er sich durch bohrende Fragen der Sparkassenvertreter angegriffen fühlte. Er stellte sich zwar hinter den Vorstand und seine Drei-Säulen-Strategie, wirkte aber nicht immer überzeugt und überzeugend.

Dabei sind sich selbst seine Kritiker einig: Das Problem liegt nicht in der Person, sondern in dem Wust von Interessenkonflikten, in den er verstrickt ist. „Um die Aufgabe zu bewältigen, müsste er eine Mischung aus Superman und Spiderman sein“, sagt ein Branchenkenner.

Denn Lüthje gilt als kompetent, integer und fair. Das Problem ist aber: Er muss zwei Jobs meistern. Er ist nicht nur Oberkontrolleur der arg angeschlagenen WestLB. Im Hauptberuf ist er Chef der Landesbank NRW. Für das Institut muss er noch einen endgültigen Namen und einen dauerhaften Sitz für die Büros finden. Die Landesbank soll sich auf das Fördergeschäft – also den öffentlichen Auftrag – konzentrieren, während die WestLB für das kommerzielle Geschäft zuständig ist.

Diese Spaltung soll Politik und Geschäft sauber trennen. Doch in der Praxis bleibt beides miteinander verquickt – und Lüthje mit seinen beiden Ämtern spürt das am eigenen Leib. Denn die wesentlich kleinere Landesbank NRW ist die Mutter der WestLB, und damit ist diese Krisenbank ihr wichtigster Vermögensgegenstand. So muss Lüthje zusehen, dass die WestLB auf die Füße kommt, zugleich die finanziellen Risiken für sein eigenes Institut im Rahmen halten und das Aushängeschild für die Landesregierung spielen. Kein Wunder, dass er hin und wieder an die Grenzen seiner Belastbarkeit stößt.

Klar ist auch: Keiner wüsste jemanden, der den Job besser machen würde. Denn Lüthje, der lockerer und humorvoller wirkt als ein typischer Beamter und weniger eitel als ein typischer Bankmanager, hat gute Qualitäten für seine beinahe unmögliche Mission. Zum einen ist er ein Mann, der sich an Spielregeln hält. Das gefällt auch den Arbeitnehmervertretern, die sein „intaktes Demokratieverständnis“ loben.

Aber auch im Umgang mit Managern bleibt er demonstrativ korrekt. Als der Stuhl des früheren WestLB-Chefs Jürgen Sengera vor wenigen Monaten schon wackelte, betonte Lüthje: „Ich habe als Aufsichtsratsvorsitzender die gesetzliche Verpflichtung, den Vorstand gegen unberechtigte Angriffe zu schützen“ – mit der Betonung auf „unberechtigt“. Die Aussage eines Diplomaten: Er solidarisierte sich mit dem Vorstand und ging zugleich zu ihm auf Distanz. Dem Aufsichtsratschef gefällt überhaupt nicht, was bei der WestLB passiert ist. Aber er würde nie den Nestbeschmutzer spielen. So viel Diplomatie kann in heftigen Diskussionen aber wie Unentschlossenheit aussehen. Genau das werfen ihm Kritiker vor.

Auch von seiner Herkunft her ist Lüthje für die Gratwanderung zwischen Politik und Bankgeschäft bestens geeignet. Er hat lange Zeit in der WestLB gearbeitet, kurz bei der Commerzbank, aber auch immer wieder in öffentlichen Institutionen, so über zehn Jahre als Hauptgeschäftsführer des Bundesverbandes öffentlicher Banken. Damals trieb er maßgeblich die Gründung der SachsenLB voran. „Ich baue jetzt schon die zweite Bank auf“, sagt er daher stolz über seine Landesbank NRW.

Kein Zweifel: Am liebsten würde er sich darauf konzentrieren, sein eigenes Institut zu großem Glanz zu führen. Aber sein Zweitjob wird zermürbend bleiben. Denn der heutige WestLB-Chef Johannes Ringel ist nur ein Übergangskandidat, und die heutige Strategie der WestLB ist nur eine Übergangsstrategie. Daran lässt Ringel selbst keinen Zweifel. Der heutige Kompromiss – noch ein bisschen internationale Großbank, aber ein bisschen mehr Einbindung in den regionalen Sparkassenverbund – ist noch keine langfristige Lösung. Aber die Zukunft müssen andere gestalten. Auch Lüthje ist mit knapp 64 Jahren ein Mann des Übergangs.

Für seine nervenaufreibende Arbeit hält sich Lüthje, Vater von drei Kindern, mit Joggen fit. Origineller sind die anderen Hobbys: Er beschäftigt sich mit Philosophie, vor allem mit logischen und strategischen Problemen, und er liebt Avantgarde-Musik. Ein gutes Training: Gestörte Harmonien und knifflige Aufgaben gibt es bei der WestLB reichlich.

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