Sergio Marchionne
Mit allen Registern, auf allen Kanälen

Während sich Deutschland über GM ärgert und auf Opel blickt, präsentiert Fiats Topmanager Sergio Marchionne seine Visionen für die neue US-Tochter Chrysler. Mit einem denkwürdigen Auftritt gelingt es ihm, selbst seine schärfsten Kritiker zu verblüffen.
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AUBURN HILLS. Fünf lange Monate hat er geschwiegen. Er musste ja arbeiten am perfekten Plan. Während Sergio Marchionne also schwieg, machte sich die Finanzwelt ihr eigenes Urteil über den Autokonzern Chrysler. Es fiel vernichtend aus: „Keine Chance, Mr. Marchionne“, hat sie gerufen, „nicht mit Chrysler!“ Am Mittwochabend ist die Zeit gekommen zurückzuschlagen.

Alles ist bis ins Detail vorbereitet: Fast 500 Gäste drängen sich am Chrysler-Stammsitz Auburn Hills in ein planetariumähnliches Gebäude, das unter blauem Licht schimmert. In Deutschland mag sich alles um GM und Opel drehen, in Amerika ist Chrysler-Tag: Alle großen US-Fernsehsender sind gekommen, Marchionne wird unter Blitzlichtgewitter in den Saal geführt: Der Fiat-Chef, der jetzt auch Chrysler-Boss ist, will es allen zeigen, alle Meldungen vom schleichenden Tod einer Auto-Ikone widerlegen. Es folgen sieben Stunden großes Kino – mit Marchionne in einer Rolle, die ihm sichtlich gefällt: als Medienstar und Menschenfänger. Chrysler arbeite trotz anhaltender Absatzverluste operativ profitabel und sitze ein halbes Jahr nach seiner Insolvenz auf 5,7 Mrd. Dollar Cash, verkündet er gleich zu Beginn. Dann überlässt er das Feld für eine Weile seinen 24 ranghöchsten Managern, die Besserung bei der Fahrzeug-Qualität geloben, einen kompletten Umbau der Modellpalette ankündigen und die jüngsten Werbefilme zeigen.

Aus Chrysler und Fiat, das ist die zentrale Botschaft, soll in rasendem Tempo Fiat-Chrysler werden, ein weltweit ernstzunehmender Autokonzern. Der Finanzplan sieht für die Fachwelt fast zu schön aus, um wahr zu sein: Break-Even auf Nettobasis 2011, Börsengang, Volumenverdopplung, drei Mrd. Dollar Nettogewinn in 2014 und schließlich die Rückzahlung aller Staatskredite. Marketingchef Olivier Francois zaubert ein Zitat von Eleanor Roosevelt auf die Leinwand: „Die Zukunft gehört denen, die an die Schönheit ihrer Träume glauben.“

Es braucht schon einen wie Marchionne, um diesen Fantasien etwas Ernsthaftigkeit zu verleihen. „Hinter mir stehen 24 Manager“, sagt der Chrysler-Neuling mit fast finsterer Miene: „Wir sind diesem Plan verpflichtet und werden uns daran messen lassen.“ Mit einer ähnlichen Strategie hat der Italo-Kanadier bereits den maroden Fiat-Konzern saniert. Das ist das Pfund, mit dem er auch in Auburn Hills wuchert. Seine Gabe, Menschen zu gewinnen und mitzureißen, hilft ihm dabei.

Als die Bühne am Abend allein Marchionne gehört, tanzt er spielerisch zwischen der Welt der Zahlen und der Philosophie, zitiert Machiavelli und Bill Clinton, schwärmt zwischendurch von Bach und Beethoven. Die Lage sei aussichtslos, haben ihm Analysten zuvor vorgerechnet. Chrysler gilt nach den gescheiterten Sanierungsversuchen von Daimler und Cerberus als organisatorisch entkernt und finanziell ausgeschlachtet: Ohne Geld gibt es keine Investitionen, ohne Investitionen keine besseren Autos. Es sei Volkssport geworden, mahnt Marchionne, „auf Unternehmen zu hauen, die schon am Boden liegen“. Am Ende des Abends hat er die Stimmung gedreht, die Pleitegerüchte um Chrysler verstummen. Analysten klatschen anerkennend, der Urenkel von Firmengründer Walter Chrysler ist zu Tränen gerührt.

Mit Auftritten wie diesen stärkt Marchionne seinen Ruf als Ausnahmeerscheinung im Topmanagement. Geboren in Italien, wandert er im Alter von 14 Jahren mit der Familie nach Kanada aus. Er studiert Philosophie, später Betriebswirtschaft und Rechtswissenschaften. Als Wirtschaftsprüfer beginnt er 1983 seine Karriere bei Deloitte & Touche in Kanada. Marchionne macht sich einen Namen als Prozessbeschleuniger, wird Vorstandschef von Alusuisse (1997), später CEO des Genfer Warenprüfkonzerns Société Générale de Surveillance. 2004 erhält er den Auftrag, Fiat zu sanieren.

Jetzt hat er begonnen, Menschen in den USA einzufangen: Ein Autohändler aus Ohio zeigt sich gerührt von Marchionnes Auftritt, geradezu betört. Nach einer kurzen Hommage an den Neuen fragt er um einen Ratschlag: „Was können wir dazu beitragen, damit Chrysler überlebt?“ Marchionne antwortet: „Seien Sie einfach nur stolz auf unser Unternehmen.“

Matthias Eberle
Matthias Eberle
Handelsblatt / Ressortleiter Ausland

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  • begeisterung und Vertrauen wecken - diese Sprache verstehen die Amerikaner (siehe Wahlkampf); Chrysler muß Käufer generieren und mit Marchionne könnte das sogar gelingen. Daimler hat nichts in dieser Hinsicht gemacht und Cerberus hat eh niemand getraut. Mal sehen ob der Funke überspringt. Autos sind immer noch ein Stück Emotion.

  • begeisterung und Vertrauen wecken - diese Sprache verstehen die Amerikaner (siehe Wahlkampf); Chrysler muß Käufer generieren und mit Marchionne könnte das sogar gelingen. Daimler hat nichts in dieser Hinsicht gemacht und Cerberus hat eh niemand getraut. Mal sehen ob der Funke überspringt. Autos sind immer noch ein Stück Emotion.

  • Guten Tag,,,,,,, wie sagt der " Manta-Fahrer " .... " booaah......Voll an die Wand.Mann "!!!!!. und steichelt leise seinen Fuchsschwanz. besten Dank

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