Serie: Brasilien
Caio Koch-Weser: „Mehrere Trümpfe in der Hand“

Brasilien hat seine Schwächen überwunden und gute Chancen, gestärkt aus der globalen Wirtschaftskrise hervorzugehen. Zum Abschluss der Serie: ein Gespräch mit Caio Koch-Weser, dem Brasilienkenner, ehemaligen Weltbank-Direktor und jetzigen Vice-Chairman der Deutschen Bank.

Handelsblatt: Herr Koch-Weser, Sie kennen Brasilien besser als viele andere Deutsche, weil Sie als Brasilianer geboren wurden …

Caio Koch-Weser: In der Tat. Ich wurde dort 1944 geboren und habe seitdem nicht nur einen deutschen, sondern auch einen brasilianischen Pass. Ich wuchs auf der Kaffeefarm meines Vaters auf, etwa 600 Kilometer westlich von São Paulo. Der Grund war, dass mein Großvater Erich Koch-Weser in der Weimarer Republik als liberaler DDP-Politiker als Reichsjustizminister und Vizekanzler fungierte. 1933, nach Hitlers Machtergreifung, ist er in weiser Voraussicht mit der ganzen Familie ins Exil nach Brasilien gegangen.

Haben Sie immer noch Verbindungen nach Brasilien?

Ja, sehr intensiv. Privat und professionell. Meine Frau und ich haben ein Haus im Norden an der Küste und sind beide mehrfach im Jahr beruflich in Brasilien. Außerdem hatte ich während meiner 25 Jahre bei der Weltbank viel mit Brasilien zu tun, auch heute im Rahmen meiner Tätigkeit für die Deutsche Bank. Viele Spitzenpolitiker in Brasilia kenne ich persönlich, auch natürlich aus meiner Zeit als Finanzstaatssekretär in der Regierung Schröder.

Wie hat sich das Land entwickelt, seitdem Sie für Abitur und Studium Anfang der sechziger Jahre nach Deutschland gingen?

Sehr positiv. Bis in die neunziger Jahre ging es in heftigen Boom- und Bust-Phasen politisch und wirtschaftlich zwar immer auf und ab, aber seit der Regierungsübernahme durch Präsident Fernando Henrique Cardoso 1995 hat sich das Land stabilisiert. Cardoso reformierte die Wirtschaft und sorgte mit einer verantwortungsvollen Wirtschafts- und Sozialpolitik für den Aufbau einer aufstrebenden Mittelschicht.

Cardosos Nachfolger, der Sozialist Luiz Inácio Lula da Silva, setzte diese liberale Politik erstaunlicherweise fort …

Ja, das hat die Wirtschaft und ausländische Investoren damals sehr positiv überrascht. Lula hatte erkannt, dass Cardoso die ökonomische Basis für die weitere Entwicklung des Landes gelegt hatte. Lula setzte auf Kontinuität und hat sich darauf konzentriert, den sozialen Frieden zu festigen.

Wie das?

Er setzte den Kampf gegen die Inflation fort und führte die „bolsa familia“ ein, eine Art Sozialhilfe für arme Familien, die nur dann gezahlt wird, wenn die Kinder nachweislich zur Schule gehen. Das hat dazu geführt, dass die Armutsquote deutlich gesunken und die Zahl der Analphabeten nur noch gering ist. Dieses Programm, das am Anfang heftig kritisiert wurde, hat das Land wesentlich vorangebracht. Präsident Lula genießt daher eine enorme Popularität.

Inwieweit profitiert die Wirtschaft von dieser Entwicklung?

Die brasilianische Wirtschaft hat sich sehr gut entwickelt. Nicht nur als Produzent und Exporteur von Agrargütern und Rohstoffen, sondern auch zunehmend von weltweit gefragter Hochtechnologie, zum Beispiel im Flugzeugbau. Es gibt exzellente Unternehmen in Brasilien, die auf dem Weltmarkt inzwischen eine wichtige Rolle spielen. Auch das Finanzsystem ist stabil und reifer als in vielen anderen industriellen Schwellenländern. Diese Trends werden sich in Zukunft noch verstärken.

Wo sehen Sie das Potenzial Brasiliens nach der großen Krise?

Anders als im vergangenen Jahrzehnt werden strukturell die Arbeitskosten global steigen wie auch die Kapitalkosten und die Preise für Energie und Nahrungsmittel. Das eröffnet für die Schwellenländer große Chancen. China hat ja die Rolle als „workshop“ der Welt, Indien als „backoffice“ der Welt. Brasilien hat als „Farm der Welt“ und aufgrund immenser Energiereserven gleich mehrere Trümpfe in der Hand, um in der nächsten Wachstumsphase der Weltwirtschaft gut positioniert zu sein.

Mit Energiereserven meinen Sie Wasserkraft und Biosprit …

Auch. Mit den jüngsten Erdölfunden vor der Küste wird Brasilien aber auch zu einem der großen Erdölförderländer der Welt werden.

Brasilien hat mit dem Amazonas-Urwald auch eine besondere Verantwortung für das Weltklima …

Ich habe das Gefühl, dass sich die brasilianische Regierung dieser Verantwortung heute sehr bewusst ist. Das Land ist ja groß genug, um etwa Soja zur Biosprit-Herstellung in großen Massen herzustellen, ohne den Urwald abzuholzen. Gegen das Abholzen des Amazonas-Regenwaldes muss noch viel mehr getan werden, auch im Rahmen eines internationalen Klimaabkommens in Kopenhagen.

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