Serie Brasilien
Der Herr der Flieger

Brasilien hat seine Schwächen überwunden und gute Chancen, gestärkt aus der globalen Wirtschaftskrise hervorzugehen. Der grüne Riese tritt aus dem Schatten der Boomländer Indien und China. Das Handelsblatt stellt Menschen vor, die für das neue Brasilien stehen. Heute: Fred Curado. Wie der Chef von Embraer den drittgrößten Flugzeugbauer immer wieder neu erfindet.

SAO PAULO. Frederico Curado ist einer der entspanntesten Bosse Brasiliens. Vom branchenüblichen Machogehabe hält er nichts und hat er nichts. Schlagfertig und witzig kontert er Journalistenfragen. "Fred" sprechen sie ihn an, den Chef des Flugzeugbauers Embraer.

Doch bei der Bilanzpressekonferenz Ende März ist ein ganz anderer "Fred" zu sehen. Die Sorgenfalte auf seiner hohen Stirn will nicht verschwinden. Mit schmalen Lippen erklärt er die Bilanz, mit heruntergezogenen Mundwinkeln hört er sich die Fragen an. Es dauert 40 Minuten, bis Curado zum ersten Mal lächelt: "Obwohl wir so viele Ingenieure haben, sind wir lukrativ", sagt er und lächelt schelmisch.

Curados Anspannung hat einen Grund. Embraer leidet wie der Wettbewerb unter der aktuellen Wirtschafts- und Branchenkrise. "Wir haben seit Mitte letzten Jahres kaum noch neue Aufträge bekommen", sagt der seit zwei Jahren amtierende Präsident des drittgrößten Flugzeugbauers weltweit. "Und in den ersten drei Monaten dieses Jahres hat sich die Situation noch einmal brutal verschlechtert."

Seit Oktober 2008 hat der Konzern zweimal seine Umsatzerwartungen für 2009 auf inzwischen noch 5,5 Mrd. Dollar reduziert. Ein Kostensenkungsprogramm soll nun das Leiden mildern. 20 Prozent der Belegschaft, also 4 300 Mitarbeiter, müssen gehen. Die ausgerechnet am Karnevalsfreitag verschickten blauen Briefe sorgten für Proteste in Brasilien. Die Justiz erhob Einspruch, Gewerkschaften protestierten, und Curado wurde wie ein Schuljunge zu Präsident Lula zitiert, um den Abbau zu rechtfertigen - ein empfindlicher Kratzer im ansonsten glänzenden Image der Erfolgsgeschichte Embraer.

Da ist es gut, dass der Herr der Flieger, der sein halbes Leben bei Embraer verbracht hat, auch in Boomzeiten auf dem Boden geblieben ist und sich nicht mit fremden Federn schmückte. Etwa bei de Behauptung, dass der brasilianische Flugzeugbauer Embraer der nach Airbus und Boeing drittgrößte Flugzeugbauer der Welt ist. Curado widerspricht solchen Hinweisen sofort. "Das hat sich unser Marketing fein zurechtgerückt", sagt er und grinst. Die Nummer drei sei der brasilianische Flugzeugbauer nur bezogen auf die Regionaljets. "Rechnet man noch die Geschäftsreiseflugzeuge hinzu, dann ist Bombardier nach wie vor die Nummer drei, und wir sind nur die Nummer vier."

Eine Bescheidenheit, die dem Luft- und Raumfahrtingenieur in der Krise hilft, stärkt sie doch nicht nur seine Glaubwürdigkeit. Curado kann so viel besser im Verborgenen weiter an der Erfolgsgeschichte Embraers arbeiten. Mit den neuen Ultraleichtjets Phenom 100 und 300 könnte Embraer den kanadischen Konkurrenten Bombardier bald bei den Geschäftsreiseflugzeugen ausbooten.

Von solchen Zielen will sich Curado auch in der Rezession nicht abbringen lassen. "Wir müssen vermeiden, dass das Unternehmen in eine ernste Krise gerät. Dann ist eine Rettung viel schwerer", sagt er. Deswegen will das Unternehmen seine hohen Investitionen für die Entwicklung etwa der Business-Jets oder der Nachfolgermodelle für die Regionalflieger der E-Jet-Reihe (bis zu 120 Sitze) weiterlaufen lassen. "Wenn wir die Investitionen reduzieren, verlieren wir schrittweise unsere Wettbewerbsfähigkeit", mahnt Curado.

Embraer steht wie kaum ein Unternehmen für das neue Brasilien: erfolgreich, bescheiden, aber auch selbstbewusst. Curado hat an dieser Erfolgsgeschichte so manche Zeile mitgeschrieben, mit Mut, Beharrlichkeit, Kreativität und mit der richtigen Mischung aus Ingenieurkunst und Verkaufstalent. 1984 stieg der heute 46-jährige Luftfahrtingenieur mit den kleinen, stets lächelnden dunklen Augen bei Embraer ein, diente sich bis 1998 zum Verkaufschef hoch und ist seit 2007 Vorstandschef.

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