Serie: Die Kunst-Macher
Unrasiert und ohne Anzug

Stuart Shave, Besitzer der Londoner Galerie Modern Art, ist trotz Erfolg auf dem Boden geblieben.

LONDON. Die Bierflaschen verschwinden schneller aus den mit Eis gefüllten Plastikmülleimern, als Andrew sie nachlegen kann. Hinter dem Galerietresen steht sein Fahrrad, daneben ein rapide schmelzender Stapel Budweiser-Kartons. Neben den Bierflaschen verteilt Andrew Kärtchen für seine nächste Kunstausstellung. Er ist Junggalerist und lernt bei Modern Art, wie man eine Galerie betreibt. Warum hier? „Weil Stuart anders ist als andere Galeristen.“

Fünf Minuten bei Modern Art und man sieht, dass Galerist Stuart Shave hat, was man „street credibility“ nennt. Er ist cool. Und jung. Säße er jetzt nicht im Oberstübchen und würde Geschäfte abschließen – im Gedränge des Vernissagepublikums, Kunststudenten und Szenemitläufer mit Wollmützen und Straßenarbeiterjacken, würde er nicht auffallen. Als er herunterkommt, trägt er einen ausgewaschenen Pullover zum Tweedjackett. Unrasiert ist er auch.

So sah er wohl schon auf dem Art College in Nottingham aus, wo ihn vor allem die „Mechanik der Kunstwelt“ interessierte. 1995 beginnt er als Sonntagsaufpasser in der Galerie Karsten Schubert für 25 Pfund am Tag. Sein erster richtiger Arbeitgeber, die Galerie Entwistle, feuert ihn nach drei Monaten. „Vermutlich haben wir uns nicht vertragen“, sagt er. Galerienachbarin Victoria Miro nimmt sich seiner an und macht ihn zum Assistenten der Objektkünstler Chapman Brothers.

Shave organisierte deren erste Chapman Show in der Gagosian Gallery in New York und „lernte unheimlich viel dabei“. Er fungiert als Kunstberater für Modeschöpfer Wolfgang Joop. 1997 organisiert er „Home Chance“, eine Show von Tim Noble und Sue Webster im Haus des Künstlerpaars. Werbestar und Kunstliebhaber Charles Saatchi kauft die Show en bloc. „Dabei wussten wir nicht einmal, wie man eine Rechnung schreibt“, sagt Shave. So wird er in zwei Jahren vom Kunststudenten zur Marktmacht. Nun will er seine eigene Galerie, und wieder geht alles blitzschnell. Die Londoner Societyjournalistin Isabella Blow vermittelte ihren Ehemann Detmar Blow als Finanzier. Acht Wochen später eröffnet „Modern Art“. Warum der Name? „Weil meine Mutter immer ,Moderne Kunst’ für Contemporary Art sagt.“

Am Tag nach der Vernissage ist die Vyner Street verlassen. Nichts deutet darauf hin, dass hier eine Kunstgalerie ist. Es gibt nur die Hausnummer, den Klingelknopf und die verschlossene Garagentür. Modern Art zog vor zwei Jahren hierher, weil die alte Galerie aus allen Nähten platzte. „Ich liebe es diskret. Wir wollen ja keine Laufkundschaft anlocken“, erklärt Shave. Oben, am Ende der grau gestrichenen Werkstatttreppe, sitzen sechs Mitarbeiter an zwei großen Tischen – die ganze Belegschaft.

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