Serie: Lebende Legenden
Der ökonomische Anwalt der Armen

Amartya Sen, Wirtschaftsnobelpreisträger des Jahres 1998, passt in keine Schublade: Den Konservativen ist seine Moralphilosophie ein Dorn im Auge, die Linken warnt er vor Anti-Markt-Dogmatismus.

DÜSSELDORF. Es ist ein Nachmittag im Jahre 1943, der ihn für sein Leben prägen wird. Amartya Sen ist zehn Jahre alt und spielt im Garten seines Elternhauses in Dhaka, der heutigen Hauptstadt Bangladeschs. Plötzlich taumelt ein schreiender, blutender Mann durchs Gartentor – ein muslimischer Tagelöhner, der im Zuge religiöser Unruhen von Hindus niedergestochen wurde. Das Kind versorgt ihn mit Wasser, Sens Vater bringt ihn ins Krankenhaus, wo er stirbt. Auf dem Weg ins Hospital erzählt der Verletzte dem Vater, seine Frau habe ihn gewarnt, während der Unruhen nicht in das hinduistische Stadtviertel zu gehen. Doch er habe keine Alternative gehabt, woanders habe es für ihn keine Arbeit gegeben.

Fast 60 Jahre später baut Sen dieses Erlebnis in seine ökonomischen Theorien ein – als Beispiel für die Folgen ökonomischer Unfreiheit. Diese kann dazu führen, dass andere elementare Freiheitsrechte eines Menschen verletzt werden – bis hin zum Recht auf Leben.

Im Jahr 1998 erhielt der 1933 in Indien geborene Sen den Ökonomie-Nobelpreis. Unter den 57 Wirtschaftsforschern, die seit 1968 mit der von der schwedischen Notenbank gestifteten Auszeichnung geehrt wurden, ist Sen bis heute einer der ungewöhnlichsten – wegen seines einzigartigen Forschungsspektrums, das um die Themen Armut, Entwicklungspolitik und Gerechtigkeit kreist. „Ich habe mich immer für die Schattenseite der Wirtschaft interessiert – für die armen Kerle, die hungern und arbeitslos sind.“ Robert Solow, Ökonomie-Nobelpreisträger von 1987, bezeichnete Sen daher als „das Gewissen unseres Fachs“.

Ursprünglich hatte Sen Sanskrit studieren wollen und eine Zeit lang auch mit Mathematik oder Physik geliebäugelt. Schließlich erlag er dem „exzentrischen Charme der Wirtschaftswissenschaften“. Er studierte das Fach in Kalkutta und dem britischen Cambridge, lehrte später in Indien, den USA und Großbritannien. Wissenschaftlich machte sich Sen bereits in den siebziger Jahren einen Namen – mit komplexen theoretischen Arbeiten zur Analyse kollektiver Entscheidungen in einer Gesellschaft.

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