Serie: Pioniere der Wirtschaft
„Das ist nichts für junge Manager“

Wie Klaus Jacobs die Krönung erfindet, seinen Kaffee- und Schokoladenkonzern verkauft und mit fast 70 Jahren als Unternehmer nochmals durchstartet.

ZÜRICH. Was treibt ihn? Klaus Jacobs sitzt in seinem Züricher Büro, als sei er auf der Durchreise: der Schreibtisch picobello aufgeräumt. Darauf die frisch gedruckten Visitenkarten, die ihn als Chef des weltgrößten Zeitarbeitsunternehmens Adecco ausweisen. Sie stecken noch in ihrer Originalverpackung. An der Wand eine blaurote Reproduktion eines Mark-Rothko-Bildes, das der hagere Mann mit keinem Blick würdigt.

Jacobs, Chef jener Dynastie, die den Deutschen als Erstes die Kaffeebohne als Lebensgefühl verkauft, dann die lila Schokolade beschert hat, ist hier nicht zu Hause. "Ich bin ein Deutsch sprechender Europäer. Dies ist das Büro eines fahrenden Sängers", sagt er, streicht sich mit der Hand über den kahl und kahler werdenden Kopf und packt schon wieder den kalbslederbraunen Aktenkoffer. Er will heute noch nach London. Nahe der britischen Hauptstadt lebt die Familie auf einem Gestüt. Jacobs hat als Dressurreiter an Weltmeisterschaften teilgenommen. Noch heute züchtet er Pferde. Der Betrieb ist der einzige, bei dem er hinnimmt, dass die Margen nicht stimmen.

Bei Adecco hat er sich das drei Jahre angeschaut. Dann, vor vier Wochen, hat er gehandelt: den Chef entlassen, den Partner an der Verwaltungsratsspitze ausbezahlt und sich selbst als Konzernlenker und obersten Kontrolleur in Personalunion eingesetzt. Mit seinen gerade gefeierten 69 Jahren wird er selbst zum Zeitarbeiter. Bis 70 hat er sich gegeben, um die Firma wieder auf Vordermann zu bringen. Er selbst hat Milliarden auf der hohen Kante. Er hat ein erfülltes Unternehmerleben hinter sich, er hat für Jacobs die Krönung erfunden, auch den vakuumverpackten Kaffee, dann hat er alles verkauft und ist noch einmal durchgestartet als Unternehmer. Was treibt diesen Mann?

1944 ist Klaus Jacobs acht Jahre alt. Der Vater kämpft nicht im Feld. Er arbeitet in dem familieneigenen Kaffeehandelsgeschäft. Weil die Versorgung der Bevölkerung mit Lebensmitteln eine kriegswichtige Aufgabe ist, darf er zu Hause bleiben. Die Familie zieht aus der Lüneburger Heide fort in die Nähe von Bremen. Nachdem britische Truppen die Weser überquert und auch die Hansestadt dem Naziregime entrissen haben, ist der Krieg für Klaus Jacobs vorbei. 1946 wechselt er auf das "Neue Gymnasium Bremen". Der Junge pendelt täglich auf dem Trittbrett überfüllter Hamsterzüge in die Stadt und wieder hinaus. Er sieht Menschen, die mit nichts anderem beschäftigt sind, als sich Kleider, Brennstoff und Lebensmittel zu organisieren. "Vielleicht tankt man dort so auf, dass der Wille entsteht, etwas zu unternehmen."

Mit 19 habe er die "Matura" bestanden. Er sagt tatsächlich "Matura", benutzt den Schweizer Ausdruck für Abitur und spricht dabei mit unüberhörbar norddeutschem Akzent, mit scharfem "s" und langem "e". Jacobs, der deutsche Unternehmer, der in England wohnt, hat seit Jahren einen Schweizer Pass, obwohl ihn dort nicht alle gleichermaßen schätzen. Doch das ist eine andere Geschichte, die wird später erzählt.

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