Serie: Pioniere der Wirtschaft
Jürgen Heraeus: „Vertrauen ist das Wichtigste“

Wie Jürgen Heraeus ein uraltes Familienunternehmen mit 188 Gesellschaftern, 10 000 Mitarbeitern und weltweit ungezählten Tochterfirmen zusammenhält.

HB HANAU. Sohn sein kann furchtbar sein. An jeder Ecke der zunächst kleinen Welt auf den Schatten des Vaters zu stoßen. Keine Luft zu haben zum Atemholen, keinen Raum fürs eigene Selbstbewusstsein. Das Lächeln der Leute, die einen begrüßen, als wüssten sie immer schon, wer da kommt. Gefährlich nahe liegt hier der Teufelskreis aus hohen Erwartungen und immer größeren Enttäuschungen.

Liebe ist es nicht, die anklingt, wenn Jürgen Heraeus von seinem Vater spricht. Sicher, Heraeus hat noch nie seine Gefühle zu Markte getragen. Dennoch verwundert die Distanz, mit der der Aufsichtsratschef des Hanauer Familienkonzerns über seinen Vater redet. Erst später erschließt sich, dass diese Distanzierung Methode hat. Sich die Gefühle vom Leib zu halten, um als Chef nüchtern analysieren und ein weit verzweigtes Familienunternehmen am Leben erhalten zu können. Jürgen Heraeus weiß es längst: „Das Vertrauen, das mein Vater mir gegeben hat, das war das Wichtigste.“

Wollte man diesem Mann Böses, würde man das betont Uneitle an ihm als Form der Eitelkeit tadeln, so deutlich schlägt es in der Glamourwelt der Reichen aus der Art. Dabei ist Jürgen Heraeus keiner, der sich versteckt wie die alten Aldi-Krämer aus Mülheim, er nimmt Verantwortung vielfältig und öffentlich wahr, ist als Funktionär und Mäzen präsent, er redet gern und gehaltvoll über Unternehmensethik. Doch spricht er zu den Menschen, dann ist es, als wollte er sein Ego einfach nicht nach draußen lassen, um ganz und gar Funktion zu sein. „Jürgen Heraeus ist ein bescheidener Mensch“, sagt Unternehmerkollege Randolf Rodenstock.

Jürgen Heraeus nimmt es sehr ernst mit der Aufgabe, das Unternehmen als Familienkonzern zu erhalten. Man muss ihn wohl länger und gut kennen, um zu erkennen, wie sehr ihm das auch Freude bereitet. 1963 ist der angehende Doktor der Ökonomie mit Kommilitonen und Professor auf Exkursion, von der Universität München über das Saarland bis nach Hanau, ins Werk der Familie. Heraeus ist als Dozent bei Edmund Heinen unter Vertrag, einem strengen, aber innovativen Experten für Kostenrechnung. Der Empfang im Familienbetrieb ist freundlich, doch der Professor kommt schnell zur Sache. „Welche Investitionsplanungsmethode bevorzugen Sie?“ fragt Heinen Heraeus senior.



Die Antwort des Vaters wird der Sohn nie vergessen, in diesem Augenblick würde er am liebsten im Boden versinken. Denn Reinhard Heraeus denkt einen Moment nach und zeigt dem Professor seinen peilenden, nach oben gestreckten Daumen.



Wohl auch deshalb gilt das Kostenmanagement des Hanauer Edelmetallkonzerns seit jenem Moment bis heute als vorbildlich. Jürgen Heraeus hat so manche Stunde seines Unternehmerdaseins damit verbracht, die Kostenstellensystematik so weit wie möglich zu optimieren. „Kosten, da sind wir sehr diszipliniert“, sagt der heutige Aufsichtsratschef.

188 Familiengesellschafter hat das Unternehmen, Heraeus und seine beiden Geschwister kommen auf etwa 25 Prozent Stimmenanteil in der Gesellschafterversammlung. Damit kann man allenfalls verhindern, nicht gestalten. In diesem Sinne also hat Jürgen Heraeus nie wirklich Macht gehabt. Und doch hat er in den nunmehr fast 42 Jahren, die er für die Firma mit seinem Namen Verantwortung trägt, so viel bewirkt, dass seine Ära als eine Blütezeit in die nun schon über 150-jährige Firmengeschichte eingehen wird.

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