Serie: Strategie-Galerie (1)
Merger-Management anno 1066

Was uns William der Eroberer über die Integration unterworfener Länder und Unternehmen lehren kann.

Die Normandie ist heute nur einen Katzensprung von England entfernt – mit der Fähre oder dem Flugzeug ist der moderne Mensch ruck zuck im Königreich. Im elften Jahrhundert allerdings war das anders – und eine gewaltige Herausforderung für William den Eroberer. England zu überrennen, war für den Normannen und seine Getreuen das kleinere Problem. Seine Herrschaft zu festigen, erwies sich als wesentlich schwieriger – über den Kanal zu segeln konnte schließlich dauern und manch ein Schiff versank in der stürmischen Nordsee.

Weil die Reise so beschwerlich war, musste William seine Zeit und Energie gut aufteilen, wollte er doch sein Fürstentum in der Normandie ebenso halten, wie seinen Anspruch auf den englischen Thron. Also schlug er sich mit etlichen schwierigen Fragen herum: Wie sollte er mit den englischen Adeligen umgehen? Was sollte er tun, wenn Schwierigkeiten auftauchten? Sollte er seinen neuen Untertanen in England vertrauen oder besser jedes Mal persönlich übersetzen, um im Krisenfall persönlich das Schwert zu schwingen?

Nach seinem Sieg 1066 in der Schlacht bei Hastings erlaubte William den Engländern, bei ihren traditionellen Strukturen zu bleiben und ließ sich vor den Augen vieler Menschen nach englischem Ritus krönen. Das verschaffte ihm den Ruf, großzügig und fair zu sein.

Dennoch blieben weite Teile Englands Niemandsland. William unterwarf sie in den folgenden vier Jahren mit dem Schwert und dem moralischen Argument, dass er nach der Krönung nun der rechtmäßige Herrscher sei und jeder Widerstand gehen ihn auch ein Widerstand gegen das englische Gesetz sei.

Dann fuhr er erst einmal nach Hause, um seinem normannischen Volk für dessen Unterstützung zu danken. Es sollte verstehen, dass er jetzt als König der Angelsachsen immer noch einer der ihren war. Ein Herrscher, der die Heimat liebt, schützt und über ihr Wohlergehen wacht.

Seine Anwesenheit in Frankreich war sicher politisch richtig, aber war es auch seine Abwesenheit im gerade erst unterworfenen Feindesland? Natürlich wusste William, dass jeder britische Adelige ihn am liebsten persönlich erwürgt hätte. Aber anstatt sie als Verräter hinrichten zu lassen, übergab er ihnen wichtige Verwaltungsaufgaben. Abgesehen von den eigentlichen Eroberungsschlachten vergoss er kein Blut, nahm niemandem die Ländereien, Reichtümer oder Töchter ab, verhielt sich vorbildlich nach englischer Tradition.

Als die ersten beunruhigenden Nachrichten kamen, weil ohne William in England bei weitem nicht alles rund lief, eilte er nicht etwa sofort über den Kanal. Er blieb in der Normandie, behandelte die Schwierigkeiten als Trivialitäten, mit denen seine Stellvertreter schon fertig werden würden.

Viele seiner Untergebenen konnten nicht anders, als Williams Furchtlosigkeit zu bewundern und sich seines Vertrauens würdig zu erweisen. Erst als ihm zu Ohren kam, dass eine Gruppe illoyaler Subjekte sich mit Schweden oder Dänemark gegen ihn zu verbünden drohte, eilte William zurück nach England.

Fazit: Bolko von Oetinger

„Jedes in einer Akquisition übernommene Unternehmen – eigentlich sogar jedes Unternehmen überhaupt – lässt sich nach zwei Prinzipien führen: mit Misstrauen und Kontrolle oder mit Vertrauen und Eigenverantwortung im Rahmen gesetzter Regeln. Die zweite Methode wählte William für sein frisch akquiriertes ,Unternehmen England'. Er nahm bewusst in Kauf, dass es ihn etwas Zeit kosten würde, bis die selbsttragenden Prozesse das Land dauerhaft stabilisieren würden. Dazu gehörten weitaus mehr Mut und Weitsicht als zu einer Herrschaft mit dem Schwert. Sein Lohn: dauerhafter Erfolg.“

Weiterführende Literatur:

Edward A. Freemann „The History of the Norman Conquest of England: Its Causes and Results“, MacMillan & Co., New York 1873

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