Serie: Strategie-Galerie (10)
Die simple Lösung ist manchmal die schlauere

Was Notärzte über schnelle Entscheidungen lehren

In der Theorie beruhen weise Entscheidungen auf Wissen, Nachdenken und viel Zeit. In der Praxis jedoch ist Weisheit ein ziemlich knappes Gut, weil Wissen oder Zeit zum Nachdenken fehlt.

Wird beispielsweise ein Patient mit akuten Herzbeschwerden in eine Notaufnahme eingeliefert, muss der Arzt binnen Sekunden entscheiden: Ist dieser Mensch ein Hochrisikopatient? Ist sein Leben bedroht, muss er selbstverständlich die intensivste und teuerste Behandlung bekommen. Würden aber sicherheitshalber alle Patienten als Hochrisikopatienten eingestuft, wären die Intensivstationen unserer Krankenhäuser schnell überfüllt - und jeder weitere schwere Notfall hätte das Nachsehen.

Also stellt sich die Frage: Gibt es eine Methode, die zuverlässig und trotzdem einfach genug ist, um unter großem Zeitdruck die richtigen Prioritäten zu setzen? Gibt es. In vielen Situationen besteht die Möglichkeit, bestehende typische Strukturen und Informationen auszunutzen. Es muss sich nur mal einer aufraffen und ein System dazu ausklügeln.

Für Herzpatienten haben Ärzte eine solche schnelle und schlaue Heuristik bereits entwickelt. Bei ihrer Einlieferung ins Krankenhaus werden Herzpatienten heute nach nur drei Variablen abgecheckt: Ist der systolische Blutdruck unter 91? Dann hat der Patient automatisch ein hohes Risiko. Ist der Blutdruck über 91? Dann wird das zweite Kriterium abgefragt: Das Alter. Ist der Patient älter als 62,5 Jahre? Wieder hohes Risiko. Ist er jünger, kommt Kriterium Nummer Drei: Hat der Patient eine krankhaft erhöhte Herzfrequenz?

Ein Arzt in der Notfallaufnahme muss also nur drei Ja/Nein-Fragen beantworten, anstatt alle in Frage kommenden Untersuchungen anzustellen - und ein wirklich gefährdeter Patient bekommt entsprechend schneller die richtige Behandlung.

Natürlich ignoriert diese Entscheidungsstrategie eine Reihe wichtiger Details, und deswegen wurde schnell der Verdacht laut, diese Methode sei ziemlich ungenau. Der Praxistest bewies jedoch: Sie ist akkurater als aufwendige computergestützte Klassifizierungsmethoden. Das bedeutet: Manchmal muss man Fakten ignorieren und sich auf das Wesentliche konzentrieren, um richtig zu entscheiden.

Heuristik also ist nicht einfach nur eine simplifizierte Ersatzmaßnahme für optimale Strategie - die gibt es nämlich meist gar nicht. Optimale Strategie ist ein theoretisches Konstrukt aus der Wahrscheinlich- keitstheorie und lässt viele Einflussfaktoren völlig außer Acht, die das richtige Leben so schwierig machen: Stress, Eile, Vergesslichkeit und psychologische Grenzen.

Die empirische Forschung über Entscheidungsprozesse hat gezeigt: Sollen Menschen entscheiden, welches von zwei Dingen besser, schöner oder stärker ist, werden sie spontan immer das Objekt nennen, das ihnen persönlich vertrauter ist. Als zum Beispiel einmal Studenten in München und in Chicago die Frage gestellt wurde "Welche Stadt der USA hat mehr Einwohner - San Diego oder San Antonio?" beantworteten die Amerikaner die Frage zu 62 Prozent richtig.

Die Deutschen jedoch gaben zu 100 Prozent die korrekte Antwort. Woher wussten sie, dass San Diego größer ist? Ganz einfach: Alle deutschen Studenten hatten schon mal von San Diego gehört, aber so gut wie keiner von San Antonio.

Das Buch dazu: Simple Heuristics That Make Us Smart, Gerd Gigerenzer, Oxford University Press, Oxford, 1999.

Fazit: Bolko von Oetinger.

"Das Portfolio, die mächtigste Heuristik für Manager, zeigt, dass die meisten Geschäfte nie ausreichend Cash abgeworfen haben und es auch in Zukunft nicht tun werden. Warum brauchen so viele Manager erst eine Krise, bis sie sich von ihnen trennen?"

Liefert Denkhilfen für die Beratungsarbeit der Boston Consulting Group: Bolko von Oetinger.

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