Serie: Strategie-Galerie (12)
Wenn Erfolg auf Dauer zur Falle wird

Was die Inka über Management von Wachstum lehren

HB DÜSSELDORF. Schon früh im 15. Jahrhundert hatten die Inka genug. Ihre Hauptstadt Cusco in Mexiko war ein Minifürstentum unter vielen anderen und die Sehnsucht ihrer adeligen Bewohner nach Bedeutung wurde immer wieder durch blutige, aber letztlich völlig ergebnislose Schlachten gegen die immer gleichen Nachbarn frustriert.

Mit großer Anstrengung konnten sie eines Tages endlich ihren Frust überwinden und den rivalisierenden Stamm der Chancas unterwerfen. Nach diesem Sieg besaßen sie Edelmetalle und andere Luxusgüter in Fülle, Ressourcen, die sie künftig intelligent für ihre Großmachtträume nutzten.

Ihr Ziel war eine Expansion ohne Blutvergießen: Künftig wurden mit vielen benachbarten ethnischen Gruppen wechselseitig Frauen und Geschenke ausgetauscht, um so ein Gefühl von Verwandtschaft und Verpflichtung zu etablieren.

Das von den Chancas erbeutete Plündergut erlaubte den Inka, ihren Alliierten dicke Geschenke zu machen und sich so der Loyalität und Mithilfe anderer Stämme zu versichern. Diese zunächst sehr lukrative Freundschaft mit den Inka wurde unter den Regionalfürsten sehr beliebt – das Reich wuchs und gedieh.

Trotzdem konnte Yupanaqui – der Inkakönig dieser Tage – nicht einfach Befehle erteilen. Auf die Ressourcen seiner Alliierten hatte er keinen Durchgriff. Sollte irgendetwas geschehen, mussten zunächst sämtliche Lokalmatadore zu einer Konferenz nach Cusco gebeten und mindestens drei Tage lang verköstigt und unterhalten werden. Erst danach konnte der Inkakönig um die „Erlaubnis“ für den Bau einer Straße bitten oder ähnliche Notwenigkeiten für den Aufbau eines Reiches durchsetzen.

War ein alliierter Stammesfürst hingegen unzufrieden mit den Plänen aus Cusco, so zog er einfach seine Arbeiter oder Soldaten von gemeinsamen Projekten ab.

Je mehr Nachbarvölker assoziiert wurden und je stärker das Inkareich wuchs, desto mehr Fürsten mussten beschenkt werden. Cusco fiel es immer schwerer, genug Luxuswaren, Ländereien und Gold aufzutreiben, um die Kleinregenten zufrieden zu stellen.

Viele bereits unterworfene Völker mussten plötzlich immer mehr Land und Tribut herausrücken, damit Cusco neu eroberte Fürsten bedienen konnte. Denn die Bemühungen der Zentrale, die Produktivität in ihrem Areal zu vergrößern – sie bauten Handelsstraßen und verbesserten das bereits existierende Wassersystem – warfen nie genug für alle ab.

Die Inka mussten also immer neue Nachbarn in ihr Allianz-System einbinden, um so wieder an neues Land und neue Güter zu kommen und damit andere begehrliche Verbündete befriedigen zu können. Jedoch: Die auf diesem Weg neu an das Reich angeschlossenen Lokalfürsten mussten anschließend auch wieder mit „Koruptionalien“ und Treue-Gaben bedient werden – ein Teufelskreis.

Als nach etwa hundert Jahren die Spanier ins Land kamen, erwies sich dann endgültig die Schwäche des gekauften und niemals wirklich integrierten Wachstums: Die Kleinfürsten fühlten sich ausgebeutet und identifizierten sich nicht mit dem Reich. Vielen kamen die Spanier sogar gerade recht als Verbündete im Kampf um die verlorene Unabhängigkeit. Das Riesenreich versank.

Das Buch dazu: History of the Inca Realm, Maria Rostworowski de Diaz Canseco, Cambridge University Press, Cambridge, 1998.

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