Serie: Strategie-Galerie (2)
Die grauen Zellen der „Cabbies“

Was uns das Gehirn eines Londoner Taxifahrers über unser Erfahrungswissen lehren kann.

DÜSSELDORF. Der Verkehr in London ist fürchterlich. Die Staus nehmen so überhand, dass die Stadtverwaltung neuerdings eine Gebühr von den Autofahrern nimmt, die ausgerechnet zur Rush Hour in die Innenstadt wollen.

Die einzigen, die immer irgendwie einen passierbaren Weg von A nach B zu finden scheinen, sind die Londoner „Cabbies“, die Taxifahrer. Sie sind in der Regel schneller am Ziel als alle anderen Autofahrer, obwohl ihr Fahrtempo für gewöhnlich nicht besonders flott ist. Sie kommen so gut voran, weil sie einerseits jeden Winkel der gigantischen Stadt kennen – schließlich müssen sie zwei Jahre lang trainieren, wie sie von einem Platz zum anderen kommen, bevor sie von den Polizeibehörden streng geprüft werden und ihre Lizenz bekommen.

Andererseits scheinen sie aber auch über das reine Kartennetz hinaus die Verkehrsströme im Kopf zu haben und können so auf wundersame Weise rechtzeitig vorhersehen, wo sich der Verkehr gerade knubbelt, um die Staus zu umfahren.

Dieses navigatorische Genie der Cabbies machte die Hirnforscher neugierig. Ihnen war aus Tierstudien bereits bekannt, dass Vögel und Kleinsäuger, die ihre Nahrung lagern – also ein besonderes Gedächtnis für Räume brauchen –, einen im Vergleich zu ihrer Körpergröße besonders großen Hippocampus haben.

Dieser Teil des Gehirns könnte also die Heimstatt des Raumgedächtnisses sein. Die Forscher fragten sich: Ob das bei Menschen auch so ist? Und wenn ja – wird ein Mensch Taxifahrer, weil sich sein Hirn für diesen Beruf besonders eignet oder verändert sich das Gehirn eines Durchschnittsbürgers erst, wenn er Taxifahrer wird und sich mit Navigation tatsächlich aktiv beschäftigt?

Die Wissenschaftler überredeten eine Gruppe von Londoner Taxifahrern, ihr Gehirn scannen zu lassen. Alle Probanden waren männliche Rechtshänder, allgemeinmedizinisch, neurologisch und psychiatrisch gesund, durchschnittlich 44 Jahre alt und im Schnitt seit 14 Jahren Taxifahrer. Eine Vergleichsgruppe wurde nach ähnlichen Kriterien zusammen gestellt – nur waren das eben keine Berufsfahrer.

Das Ergebnis faszinierte die Wissenschaftler: Die Cabbies haben im Vergleich zum Normalbürger tatsächlich einen vergrößerten hinteren Hippocampus und einen kleineren vorderen Hippocampus. Das bedeutet, dass die Verteilung der grauen Zellen tatsächlich etwas mit dem Beruf zu tun hat.

Offen war nun nur noch die Frage, ob sich entsprechend prädisponierte Personen einen Job suchen, in dem sie von ihren überlegenen Fähigkeiten als Navigator besonders profitieren – oder ob sich das Gehirn im Laufe eines Berufslebens an seine Umweltbedingungen anpasst. Die Antwort der Forscher nach weiterer Analyse der Daten: Je länger ein Berufsfahrer in London durch die Straßen zuckelt, desto größer ist sein hinterer Hippocampus. Er hat tatsächlich eine virtuelle Karte im Kopf.

Fazit: Bolko von Oettinger

„Der erfolgreiche Manager ist Fahrer und Kartograph in einem. Im Fahren erschließt er den unbekannten Raum und entwickelt daraus seine Karte der Möglichkeiten. In der Strategie gehen Zielvorstellung und Umsetzungserfahrung immer eine Wechselbeziehung ein. Deshalb kann das Operative sehr wohl das Strategische sein. Dieser sich qualitativ steigernde Vorgang wird entscheidend von den Fähigkeiten derjenigen getrieben, die die Organisation lenken. Ihr Lernprozess erscheint einfach, transparent und ist sogar nachahmbar, aber ihr Vorsprung bleibt, solange sie nicht nachlassen zu lernen.“

Das Buch dazu: Eleanor A. Maguire et al: The Mind of the London Taxi Driver. Proc. Natl. Acad. Sci. USA, Vol 97, Issue 8, April 2000.

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