Serie: Strategie-Galerie (4)
Die Maori haben einen Hau

Was uns die Polynesier über das soziale Wesen des Handels lehren können.

Zwischen den polynesischen Inseln bewegen sich ständig schwer beladene Boote. Die Maori-Stämme, die im Südpazifik zuhause sind, handeln miteinander und feilschen hart um ihre Güter. Das ist aber nur der Nebeneffekt ihrer aufwändigen Bootsexpeditionen zwischen den Inseln.

Wirklich bedeutsam ist der „Kula“ – ein ringförmiger Tauschritus zwischen den Clans. Verschenkt werden dabei schön polierte Armbänder aus Muscheln und Halsketten aus Perlmutt. Sie werden von den Polynesiern als großer Schatz betrachtet und sehr verehrt, dürfen aber unter keinen Umständen behalten werden. Bei der nächsten Reise zu benachbarten Inseln und Stämmen müssen sie erneut in andere Hände wechseln.

Diese Wanderung ist hoch rituell: Die Schmuckstücke dürfen nicht zu lange bei einem Besitzer verbleiben und wer sich bei der Weitergabe dumm anstellt, verliert seine Ehre. Auch dürfen die Objekte nur in eine Richtung transferiert und nur von den Häuptlingen der Stämme und Anführern der Bootsexpedition an bestimmte Personen übergeben werden.

Warum muss das so sein? Die Maori glauben, dass den Geschenken, den „Taonga“, ein Geist innewohnt, der „Hau“. Ein Maori erzählt: „Nehmen wir mal an, du hast einen Taonga und gibst ihn mir. Ich gebe ihn nun meinerseits an jemand anderen weiter – und nach einer kleinen Weile bekomme ich von dem Menschen, dem ich das Taonga von dir übergeben habe, ein anderes zurück. In dem Taonga, das ich von ihm bekomme, wohnt nun der Geist von dem Objekt, das ich von dir erhalten und an ihn weitergegeben habe. Es wäre nicht fair, dieses Taonga zu behalten. Ich muss es dir zurückgeben, weil in ihm der Hau steckt. Falls ich das Objekt behalte, könnte mir etwas sehr Böses zustoßen, sogar der Tod.“

Im Maori-Gesetz ist ein Taonga stark verwoben mit Personen, Stämmen und der Erde; der Hau repräsentiert den Geist des Waldes und der Tiere, die darin leben.

Die Menschen haben in diesem System drei Verpflichtungen: zu geben, zu empfangen und zurückzubezahlen. Der Zirkel darf nicht unterbrochen werden. Auch wenn sein Besitzer es weggeben hat, enthält es noch seinen Geist, der Hau folgt dem Taonga.

Viele Gesellschaften (und Familien!) kennen ähnliche Riten – man denke nur an Weihnachten. Häufig ist die Übergabe von Geschenken nur eine höfliche Fiktion, eine Formalität oder ein sozialer Ritus, hinter dem ganz andere Interessen und Gedanken stecken.

Zumindest bei den Maori entsteht so jedoch ein friedliches soziales Gefüge zwischen den Stämmen, ein dem Handel sehr zuträgliches Gemeinschaftsgefühl. Die erfüllte gegenseitige Verpflichtung schafft Vertrauen und festigt den Status des Schenkenden und des Beschenkten.

Fazit: Bolko von Oettinger

„Jeder Tauschakt ist ein sozialer Akt, es geht um mehr als nur ,Ware gegen Geld’. In jedem Verkauf steckt die Probe aufs Exempel, wie stark die soziale Bindungskraft ist. In jeder Begegnung ist mehr drin als nur ein Kontakt. Dieses „Mehr“ ist nicht in Kosten-Nutzen-Kalkülen aufgehoben.“

Literaturhinweise: Das Buch dazu: Die Gabe, Marcel Mauss, Suhrkamp, Frankfurt 1990.

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