Severin Schwan
Die Macht am Rhein

Severin Schwan steigt zum Chef des Schweizer Pharmakonzerns Roche auf. Sein erfolgreicher Vorgänger Franz Humer bleibt an der Spitze des Verwaltungsrats. Von dieser Gewaltenteilung hält der Basler Konkurrent Novartis nichts.

BASEL. Auf der Fahrt nach oben im engen Aufzug plaudert der freundliche Herr über Befindlichkeiten eines Pharmachefs: Heute Nachmittag geht es auf Roadshow. London, Boston, Zürich. „Das Schwierigste dabei ist“, sagt Franz Humer, „bei der letzten Station die gleichen Fragen mit dem gleichen Elan wie bei der ersten zu beantworten.“

Severin Schwan, den Humer am Donnerstag als seinen Nachfolger an der Roche-Spitze vorstellte, hat dafür schon eine Rezeptur gefunden. Er nimmt von vornherein den Dampf raus. Das garantiert immerhin, dass die letzten Zuhörer nicht schlechter behandelt werden als die ersten.

Der ruhige Schwan ist der Neue. Ein Österreicher wie sein Vorgänger, aber „Pässe spielen bei uns keine Rolle“, beeilt sich Humer zu sagen. Keine „fette Katze“ von außen, wie Andrew Fellows vom Analystenhaus Helvea befriedigt feststellt, sondern ein schlankes Eigengewächs.

Der Mann mit dem Haar, das nicht mehr als schwarz, aber auch noch nicht als grau durchgeht, mit den grünen Augen und der randlosen Brille entscheidet seit anderthalb Jahren hier oben im Roche-Turm in Basel als Vorstandsmitglied, wie es mit der Diagnostik-Sparte des blühenden Pharmakonzerns weitergeht. Bei Diagnotics werden Insulinpumpen hergestellt und Testgeräte entwickelt, mit denen sich Krankheiten früh erkennen lassen. Roche ist seit der Übernahme von Boehringer Mannheim 1998 auch führend in diesem Geschäft. Innerhalb des Konzerns macht die Sparte hinter Pharma aber nur etwa ein Fünftel des Gesamtumsatzes aus.

Für Schwan hieß das bisher, sich zu bescheiden. Wenn Humer den großen Wurf präsentierte, wenn Pharmachef William Burns anschließend erzählte, mit welchem Medikament richtig viel zu verdienen sei, dann konnte Schwan am lang gestreckten Tisch der Vorstandsetage sitzen, auf seinen kurzen Auftritt warten und beispielsweise die Fibonacci-Zahlen betrachten, die ein Künstler in Neon als Wand und Bodenschmuck in dem Raum hinterlassen hat. Jede Zahl der Reihe entsteht aus der Summe ihrer beiden Vorgänger.

Schwan muss nun auch so etwas wie die Summe seiner Vorgänger bilden, wenn er im kommenden Frühjahr Vorstandschef wird, während Humer den Verwaltungsratsvorsitz behält. Er darf nicht nachlassen, den Konzern wie Humer zu immer neuen Innovationen zu befähigen. Und er muss möglicherweise noch entschiedener als Humer, der den Konzern erst schrumpfen ließ, bevor er zu neuem Wachstum aufbrach, auf Größe setzen. Ansonsten wird er irgendwann erklären müssen, was der Konzern mit seinem ganzen verdienten Geld so macht. Allein im ersten Halbjahr ist der Gewinn um knapp 30 Prozent auf umgerechnet 3,6 Milliarden Euro angeschwollen.

Sein Gesellenstück will der 39-Jährige, dem sie im Konzern „Zuhörerqualitäten“ bescheinigen, deswegen abliefern, bevor im März die offizielle Kür zum Meister über die Bühne geht: Schwan will in den USA durch den Kauf des Medizingeräte-Herstellers Ventana die Diagnostik-Sparte erweitern. Drei Milliarden Dollar bietet Roche. Bisher ist das dem Ventana-Management zu wenig. Schwan regt das nicht auf. Wie ein gut gepanzerter Ritter, der seine Waffen bisher noch gar nicht zücken musste, setzt er auf Sieg in dieser für Roche überschaubaren Übernahmeschlacht. „Wir dürfen nicht zu viele Bälle gleichzeitig spielen“, warnt Humer, der Vorsichtige.

Einer mehr darf es ruhig sein, dürfte Schwan denken. Laut sagt er: „Eine Organisation lebt von der Innovation“, und ist dabei wieder ganz an der Seite seines Chefs, der ihm künftig als Verwaltungsratspräsident zur Seite steht.

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