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Sie lieben ihn, und sie hassen ihn

Ein Schweizer Berlusconi? Christoph Blocher kann dem Vergleich nicht viel abgewinnen. Sicher, er ist einer der reichsten Männer der Schweiz, was daran liegt, dass er sein Unternehmen, den Kunststoffhersteller Ems Chemie, so führt, dass für ihn etwas übrig bleibt. Das Anwesen mit der eigenen Seilbahn an den Hängen des Zürichsees zum Beispiel. Oder die Burg in Graubünden.

ZÜRICH. Gleichzeitig ist der 62-Jährige der einzige Schweizer Politiker, der über die Landesgrenzen hinaus bekannt ist. Ein Volkstribun, der mit seinen Tiraden gegen ausländische „Scheininvalide“ manchem Eidgenossen aus der Seele spricht, während anderen das Schweizer Messer in der Tasche aufgeht.

Blocher denkt und agitiert national, aber er ist zugleich, wie der Schweizer Autor Freddy Gsteiger analysiert, „ein unschweizerisches Phänomen“. Ein Gegensatz? „Ich will diese gefährlich wohlige Schweizer Gefühlsharmonie aufbrechen“, sagt er, und ein breites Lachen zieht sich über sein Gesicht, das dem eines Bergbauern gleicht: Backen von gesundem Rot, Lachfalten, altmodische Brille. Der geschniegelte Italiener Berlusconi? Nein, das ist nicht sein Vorbild.

Ein Haider vielleicht? Über diesen Vergleich kann Blocher nun nicht mehr lachen. Haider habe in Österreich ein wichtige Rolle gespielt, indem er den Filz zwischen den großen Parteien aufbrach. Aber seine Ansichten – nein danke. Wenn schon ein Vorbild, dann eher Churchill, der britische Kriegspremier. „Der Wille, etwas durchzustehen und nicht zu fragen, ob es jetzt für mich nützlich ist“, das imponiere ihm. „Und dann dieses tiefsinnige Ende: abgewählt, bevor er den Friedensvertrag unterschreiben kann.“ Blochers Plauderton gerät ins Schwärmerische. Der David, der gegen Goliath kämpft und gewinnt – das wäre die richtige Rolle für ihn. Dem Mann, der es sich in seinem kurzärmeligen Hemd am Besprechungstisch unter einer üppigen Landschaft in Öl mit Schafen bequem gemacht hat, gefällt es offenbar, wenn man ihn unterschätzt.

Als siebtes Kind eines Pfarrers kam Blocher 1940 in Laufen am Rheinfall zur Welt. Mit 15 schickte ihn der Vater zu Bauer Zuber ins benachbarte Ossingen: Der Bursche sollte Landwirt werden. Zweiter Bildungsweg, Jurastudium, Dissertation, ein Halbtagsjob in der Kunststofffabrik Ems Chemie. Daneben politische Arbeit.

Dann 1983 der Entschluss: Der Patriarch der Ems Chemie ist gestorben, seine Erben wollen verkaufen, ein US-Investor bietet sich an, will aber etwa 700 Leute entlassen. Der Kanton ist in Aufregung. Blocher übernimmt. Das Geld leiht er sich von der Bank, die bis heute kein schlechtes Geschäft gemacht hat. In den ersten sechs Monaten dieses Jahres legte die Ems Chemie eine Steigerung beim Betriebsergebnis um 16 Prozent hin. Der Nettoumsatz lag bei 613 Millionen Franken.

Und noch immer hat er die Mehrheit beim viertgrößten Chemiekonzern der Schweiz. „Es gibt zu wenig Unternehmer, deren eigenes Geld in ihrer Firma steckt”, doziert Blocher. Das führe zu Entscheidungen, die nicht im Interesse des Unternehmens seien. „Der Unternehmer hat dann Kraft, wenn er nur untergehen oder gedeihen kann.”

In diesem Duktus geht es weiter: „Manche fühlen sich für die ganze Welt verantwortlich, nur nicht für sich selbst.“ Dabei sei ein Unternehmer noch eher haftbar zu machen als ein Politiker. „In der Politik hat der Erfolg viele Väter. Nur der Misserfolg ist stets ein Waisenkind.” Der Satz hinterlässt das fade Gefühl, dass hier einer keine Zwischentöne kennt.

Blocher ist kein Mann für Kompromisse. Seinen Führungsstil beschreibt er mit „flexibler Sturheit“. Mitarbeitern, die mit einer Idee zu ihm kommen, sagt er: „Das ist nichts.“ Wer dann aufgibt, dem ruft er nach: „Jetzt bin ich auch noch von Ihnen als Angestellten enttäuscht.” Er wolle sehen, „ob die Widerstand entwickeln”, sagt der Polarisierer.

So suchte er zur Vorlage der Halbjahreszahlen seines Unternehmens nach einem Beispiel, um die Innovationsfreudigkeit zu demonstrieren. Er entschied sich für den Nussknacker aus Kunststoff, der ohne Gelenk seinen Dienst verrichtet und deswegen in der Produktion billiger ist als andere Modelle. Mit dem Nussknacker in der Hand gab Blocher ein dankbares Fotomotiv für Schweizer Zeitungen ab – als Symbol für einen, der auch die härtesten Nüsse knackt. Von Marketing versteht er eben etwas, besonders, wenn es um die eigene Sache geht.

Die härteste Nuss in seinem Leben als Politiker war sein Kampf gegen den Beitritt der Schweiz zur Europäischen Union. Überflüssig eigentlich festzustellen, dass er ihn gewonnen hat. Warum er ihn geführt habe? Blocher gibt viele Antworten, hinter denen immer das gleiche Motiv steht. Es ist das Motiv eines Konservativen. Die Schweiz soll bleiben, wie sie ist. Noch besser: Sie soll werden, wie sie war.

Der Staat überfordere sich selbst, indem er sich nicht nur als Fürsorge-, sondern auch als Umverteilungsstaat begreife. In Deutschland sei das übrigens noch ausgeprägter, bemängelt Blocher, der nahe Frankfurt ein Werk betreibt. Dort zahle er mehr als in der Schweiz, „aber die armen Kerle verdienen weniger”.

Die härteste Nuss im Privatleben steht ihm noch bevor. Er muss die Frage lösen, wann der richtige Zeitpunkt zum Rückzug ist. Drei Söhne und eine Tochter wären seine möglichen Nachfolger, zwei arbeiten bereits im Betrieb. So etwas wie „Blutsverwandtschaftsideologie” gebe es bei den Blochers aber nicht, hält er fest. Die Kinder müssten nicht unbedingt die Nachfolge antreten.

Aber ein Datum nennen? Nein. Dann wäre er ja nur noch ein Anführer auf Zeit. Seine Gegner könnten dann Gefahr laufen, ihn zu unterschätzen. Auch wenn es ihm grundsätzlich gefällt. In dem Fall will er es ihnen ersparen.

Oliver Stock
Oliver Stock
Handelsblatt / Stellvertretender Chefredakteur
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