Siemens-Aufsichtsrat
Ein Gewerkschaftsmann mittendrin

Der schweigsame IG-Metall-Vize Berthold Huber war in den letzten Wochen einer der wichtigsten Spieler im Kampf um die Macht bei Siemens. Als Mitglied des Aufsichtsrats war er an allen Entscheidungen nah dran – und hat sich doch zurückgehalten. Ein Blick hinter die Kulissen.

MÜNCHEN. Er könnte auch für einen Intellektuellen durchgehen. Und wahrscheinlich hält er sich auch für einen. Manchmal fahrig, zappelig, hinter der Brille ein Gesicht wie unter Hochdruck. Und doch irgendwie blass.

Einen „Anker der Stabilität“, sagt ein Kollege, stelle man sich jedenfalls anders vor. Es hat also auch mit den Umständen zu tun, dass Berthold Huber, als Zweiter Vorsitzender die Nummer zwei der IG Metall und seit Juli 2004 Mitglied des Aufsichtsrats der Siemens AG, heute im Konzern in einer Schlüsselposition sitzt. Auch deshalb durfte Huber heute vor der Weltöffentlichkeit dem neuen Chef, Peter Löscher, die volle Unterstützung der Arbeitnehmer versprechen.

Lange Zeit hat Berthold Huber zu Siemens geschwiegen, hat die Vertraulichkeit von Aufsichtsratssitzungen ernst genommen. Das passt zu diesem bedächtigen Mann, dem man den Arbeiterführer äußerlich kaum glauben kann. Dann, am Osterwochenende, hat er sich erstmals klar zu Wort gemeldet. In einem Interview mit der „Stuttgarter Zeitung“, so einer Art Heimatblatt des Schwaben, redete er über Heinrich von Pierer und sagte den schönen Spruch: „Im Zweifel für den Angeklagten“. Zwischen den Zeilen aber wurde klar: Hier geht einer auf Abstand.

Wenige Tage zuvor war der Skandal um die Zahlungen an die Arbeitnehmerorganisation AUB bekannt geworden. Auch das war in der Ära des Heinrich von Pierer geschehen. Das Vertrauenskapital, das sich der Mann, der lange Jahre Siemens verkörperte, auch auf der Arbeitnehmerbank erarbeitet hatte, es war damit endgültig verbraucht.

Seither haben Karrieren einen Knacks bekommen, sind Bekanntschaften, ja Freundschaften zu Bruch gegangen. Im Umfeld von Pierers heißt es daher wenig überraschend, Huber könne man nicht mehr über den Weg trauen. Auch das passt zur Atmosphäre des Misstrauens, die im Umfeld von Siemens gedieh. Kaum ein Tag in den vergangenen Wochen ohne neue Gerüchte, ohne Unterstellungen.

Gewerkschaftsfunktionäre als Aufsichtsräte – das ist ein eigenes Kapitel. Deshalb schien Huber als Abgesandter der IG-Metall-Zentrale im Siemens-Kontrollgremium lange im Schatten der Vertreter des Betriebsrates zu stehen, allen voran dem von Ralf Heckmann, dem Chef des Gesamtbetriebsrats und Zweiten Vorsitzenden im Aufsichtsrat. Doch mit dem Auffliegen der Skandalgeschichten haben sich die Gewichte verschoben. Nun ist es die Distanz zu den Geschehnissen, die Autorität begründen kann. Auch im Falle des neuen Aufsichtsratsvorsitzenden Gerhard Cromme. Je weiter weg von den Machenschaften einer gewesen ist, desto besser scheint das heute zu sein.

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