Siemens-Manager wegen Korruption vor Gericht
Siemens, Schmiergeld und die Systemfrage

In Darmstadt stehen zwei Konzernmanager wegen Bestechung in Italien vor Gericht. Der Fall könnte ein Teilchen in einem großen Korruptionspuzzle sein.

DARMSTADT. Nicht erst seit Otto von Bismarck ist die Nützlichkeit schwarzer Kassen für die Beschleunigung komplizierter Prozesse bekannt. Bis zum Jahr 2000 unterhielt auch die Firma Siemens, genauer gesagt ihr Kraftwerksbereich PG, eine gut gefüllte schwarze Kasse in der Schweiz. Als der deutsche Gesetzgeber die bis dahin "nützlichen Aufwendungen" genannten und sogar mit Steuerprivileg ausgestatteten Bestechungsgelder im Ausland für unrechtmäßig erklärte, ging, so die Anklage, das Geld auf ein Konto nach Liechtenstein. Von dort wurden dann zwei italienische Manager bezahlt, die vorgaben, für die Vergabe eines Gas-Dampfturbinenauftrags der Firma Enel Nützliches leisten zu können. Auch deshalb stehen seit gestern vor dem Landgericht Darmstadt zwei ehemalige Siemens-Mitarbeiter vor Gericht - in einem Verfahren, das Rechtsgeschichte schreiben könnte.

Siemens und die Korruption: Was in Darmstadt gerade justiziabel abgearbeitet wird, dürfte nur der Auftakt einer Reihe von Schmiergeld-Prozessen sein gegen Manager des Konzerns. Geht es nach den Anklägern in München, kommt erst Hessen dran, dann Bayern. Dort geht es um den Telefonbereich Com - und damit insgesamt um die Frage, ob es ein System Siemens gab.

Zuerst Darmstadt: Horst V. ist 73, groß gewachsen, kräftige graue Haare, Tweedsakko, Flanellhose. Man sieht ihm seine schwere Krankheit nicht an. Horst V. ist ein freundlicher Herr, der stets Haltung bewahrt. "Ich Trottel habe mich dafür hergegeben", entfährt es ihm einmal mitten in der Befragung, als die Staatsanwältin wissen will, ob er Details der Absprachen gekannt habe. Horst V. ist Elektroingenieur, er hat sein Leben lang für die AEG und Siemens in Griechenland gearbeitet. 1993 ist er aus Gesundheitsgründen bei Siemens ausgeschieden, dann kam Ende 1998 der Anruf, der sein Leben noch einmal veränderte. Von dem Mann, der heute wenige Meter neben ihm ebenfalls auf der Anklagebank sitzt, dem Finanzvorstand des Bereichs PG, bekam er einen Beratervertrag angeboten. Horst V. unterschrieb. Spätestens als er mit einem anderen Siemens-Manager eine Tour nach Liechtenstein unternahm, musste er wissen, dass es nicht nur um die Abwicklung alter Aufträge gehen konnte.

Der zweite Angeklagte heißt Andreas K., er ist 63, blass, die Mundwinkel streben gen Erdmittelpunkt, als die Staatsanwaltschaft die Anklageschrift verliest. An seiner Seite sitzen drei Topjuristen, darunter Eberhard Kempf, der Deutsche-Bank-Chef Josef Ackermann bei der Beendigung des Mannesmann-Verfahrens zur Seite stand. Auch Andreas K. hätte sich das Ende seiner Laufbahn sicherlich anders vorgestellt. Er kommt aus einer hoch angesehenen Managerfamilie, sein Vater war bereits im Hause Siemens Mitglied im Vorstand. Laut Anklage hat K. nicht nur von einer schwarzen Kasse gewusst, er hat die Überweisungen an die Manager des italienischen Stromkonzerns Enel auch gedeckt. Deshalb steht er mit V. nun wegen Bestechung und Untreue zu Lasten von Siemens vor Gericht.

Auch Andreas K. wirkt wie ein Ehrenmann, er hat umfangreich zu dem Thema ausgesagt. Bei seiner Aussage vor Gericht erklärt der Finanzexperte, Provisionszahlungen im internationalen Geschäftsverkehr seien im Hause Siemens stets Praxis gewesen. Die Leistungen seien streng geprüft, die Integrität der Empfänger untersucht worden. Immer dann, wenn Empfänger nicht wollten, dass der Name Siemens auftaucht, habe man sich des Umwegs über Liechtenstein bedient, völlig legal. Dann sei 1999 ein ehemaliger Chefbuchhalter zu ihm gekommen. In der Schweiz gebe es ein Konto mit zwölf Millionen Euro, das seit Menschengedenken auf den Namen des Buchhalters laute, aber Siemens gehöre.

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