Siemens
Nicht zum Kuscheln

Siegfried Russwurm hat momentan keinen angenehmen Job: Der Personalvorstand von Siemens muss die Kürzung von fast 17 000 Stellen durchsetzen - und dabei Härte zeigen.
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MÜNCHEN. Siegfried Russwurm haut so schnell nichts um. Gut, er ist einen Kopf kleiner als sein Chef, der großgewachsene Siemens-Vorstandsvorsitzende Peter Löscher. Doch Russwurm ist ein richtiger Franke von kräftiger Statur. In seiner Zeit in Schweden hat der Mann mit dem kurzgeschorenen Vollbart das Segeln gelernt, mit Gegenwind weiß er also umzugehen.

An diesem Dienstag sieht der 45-Jährige allerdings müde aus. Dunkle Schatten liegen um seine Augen, die Stimme klingt etwas monoton und heiser. "Das belastet einen schon physisch", sagt er im Gespräch mit dem Handelsblatt - und meint damit den Stellenabbau bei Siemens. Knapp 17 000 der weltweit rund 420 000 Stellen werden wegfallen. Russwurm soll als Personalvorstand mit den Arbeitnehmervertretern die Bedingungen aushandeln. In den vergangenen Tagen hat er den Betriebsräten die Pläne vorgestellt. "So etwas ist nicht die Sternstunde eines Arbeitsdirektors", sagt er lakonisch.

Dennoch ist Russwurm nach Einschätzung vieler genau der richtige Mann für den heiklen Job. Die Erfahrung im Umgang mit Gewerkschaftern und Betriebsräten hat er in seiner Zeit als Werksleiter in der Medizintechniksparte des Konzerns gesammelt. Dabei hat er sich bei den Arbeitnehmern den Ruf als Manager mit Bodenhaftung erworben. "Er spricht die richtige Sprache", sagt einer, der mit ihm zusammenarbeitet.

Derzeit müssen sich die verunsicherten, aber noch immer stolzen Siemensianer vielerorts an ganz neue Managertypen gewöhnen. Seit kurzem führt etwa Jim Reid-Anderson die Medizintechnik. Der Brite, geboren im Irak, aufgewachsen in aller Welt, machte in den USA Karriere. Von dort aus führt er nun auch die meiste Zeit seine Sparte. Ein sympathischer Manager, doch schlägt ihm als Externen, der wenig Zeit am Schreibtisch in Erlangen verbringt, viel Misstrauen entgegen. Das dürfte den massiven Stellenabbau erschweren, den es nun auch in der Medizintechnik geben soll.

Russwurms Ausgangssituation ist da etwas leichter. Auch er gehört zwar der neuen Managergeneration bei Siemens an. Erst seit Januar ist er Personalvorstand, mit seinen 45 Jahren einer der jüngsten im Top-Management. Doch ist er in gewisser Weise auch ein Siemens-Manager vom alten Schlag. In Oberfranken ist er geboren, schon das rollende R verrät beim Vortrag seine Herkunft. Nach einer Zeit als wissenschaftlicher Assistent am Lehrstuhl für technische Mechanik an der Uni Nürnberg-Erlagen fing er 1992 direkt bei Siemens an und machte dort schnell Karriere. Eine ganz normale Siemens-Laufbahn ist das eigentlich, alle Top-Manager der vergangenen Jahrzehnte haben sich im eigenen Haus nach oben gearbeitet.

Bis, ja, bis die Schmiergeldaffäre kam. Seither gelten bei dem Technologiekonzern andere Gesetze. Wer in einer der korruptionsverseuchten Sparten Verantwortung trug, der steht unter Verdacht. In vielen Bereichen hat Siemens-Chef Peter Löscher, auch er natürlich ein Externer, weit mehr als die Hälfte der Führungskräfte ausgetauscht. Die neuen, sie kommen meist von überall her - nur nicht von Siemens. Das schafft Verunsicherung in einem traditionsbewussten Unternehmen wie Siemens. Und Löscher legte nach: Zu viele weiße Männer gebe es im Top-Management, da müsse sich rasch etwas ändern.

Da sind viele froh, dass es noch Typen wie Russwurm gibt. Am liebsten ist der daheim in Franken, das Segeln ist noch sein exotischstes Hobby. "Er ist sehr hemdsärmelig", heißt es in seinem Umfeld. Auf Dienstreisen nutzt Russwurm gern Billigflieger, E-Mails beantwortet er persönlich in Minutenschnelle mit seinem Blackberry. "Er ist schon umgänglich und kompetent", lobt auch ein Arbeitnehmervertreter.

Seine Bewährungsprobe steht aber noch aus. Der massive Stellenabbau erhitzt die Gemüter, der Gesamtbetriebsratsvorsitzende Ralf Heckmann hat gar mit Streik gedroht. Mit der Zahl von 17 000 Stellen hatte bei der im Konzern noch immer mächtigen IG Metall niemand gerechnet. "Ich dachte, es werden weit weniger als 10 000", sagt ein Gewerkschaftsfunktionär. Der Schock war groß und die Reaktionen heftig, als die Zahlen durchsickerten. So wird denn auch erste Kritik an Russwurm laut. Der Personalvorstand hätte dezent vorwarnen müssen, was da kommt. "Vielleicht hat er die Abläufe noch nicht so gut im Griff", sagt ein Siemens-Funktionär. "Er muss da vielleicht noch reinwachsen."

Russwurm muss nun sehen, wie er den Stellenabbau ohne allzu große Erschütterungen durchsetzen kann. Ein Knackpunkt wird die Frage sein, ob er betriebsbedingte Kündigungen durchsetzen muss. Die Gewerkschaft drängt auf die Zusage, dass es so weit nicht kommen wird. Russwurm und Löscher wollen dieses Instrument aber nicht aus der Hand geben. Das Einsparziel von 1,2 Milliarden Euro in Vertrieb und Verwaltung sowie das Sparpaket im operativen Geschäft sind nun in der Welt. Die Kapitalmärkte werden Abstriche nicht hinnehmen. In den Verhandlungen wird Russwurm auch Härte zeigen müssen. "Zum Kuscheln bin ich jedenfalls nicht da", sagte er bei seinem Amtsantritt.

Doch Siemens ist noch immer Siemens, und da hält man viel auf die Betriebskultur - trotz aller Veränderungen. So verteilt denn auch Russwurm seine Zuckerl. Im Ausland gebe es immer wieder zu Unrecht Kritik an der deutschen Mitbestimmung, sagt er. "Aus meiner Sicht ist die Mitwirkung der Arbeitnehmervertreter und vor allem der kritische Dialog ein wichtiger Faktor des wirtschaftlichen Erfolgs." Schließlich sollen ihn die Verhandlungen weiterhin nur physisch belasten und nicht psychisch. "Das ist so", sagt er, "solange man morgens noch in den Spiegel schauen kann."

Axel Höpner
Axel Höpner
Handelsblatt / Büroleiter München

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