Siemens-Vorstand Erich Reinhardt
Der große Systematiker

Siemens ist mehr als nur Skandal: Vorstand Erich Reinhardt führt die Medizintechnik nach einer langen Einkaufstour in die Weltspitze. Er denkt in Zeiträumen, gegen die Quartale und die entsprechenden Zahlen zu Episoden verkümmern.

MÜNCHEN. Der „Professor“. So wird er in der Siemens-Welt überall auf dem Globus genannt, und er lässt es sich gern gefallen. Wenn also Professor Erich Reinhardt seinen derzeit bevorzugten Vortrag hält, dann ereignet sich schon am Anfang eine schöne Szene: Neben der Leinwand links der Herr Professor, auf der Leinwand rechts ganz groß das Foto eines chinesischen Greises, in der Mitte eine beeindruckende Zahlenreihe: 2050 werden 9,3 Milliarden Menschen auf der Erde leben. Dann wird es mehr 60-Jährige als 14-Jährige geben. In China werden fast acht Prozent der Bevölkerung älter als 80 sein. Reinhardts simpler Schluss: „Kein Zweifel, der Bedarf an Gesundheitsleistungen wird wachsen.“

Nun ist die Perspektive 2050 für ein Unternehmen, das selbst die Liefertermine seiner Computerkernspintomographen vom Rhythmus der Quartalszahlen abhängig macht, ein gewaltig langer Zeitraum. Doch wenn Reinhardt in der Riege der führenden Siemens-Manager eine Eigenschaft auszeichnet, dann die, in langen Zeiträumen nicht nur zu denken, sondern daran auch seine Strategie auszurichten.

Und weil der äußerlich so unscheinbare Mann dabei offenbar so überzeugend gewirkt hat, ist die Medizintechnik binnen einem Jahrzehnt von einem der großen Sorgenkinder des Konzerns zu einem der ganz großen Hoffnungsträger geworden. Zwischen 2000 und 2007 hat der Bereich Med 40 Unternehmen im Gesamtwert von zehn Milliarden Euro gekauft – eine der größten Shoppingtouren in der Geschichte des Technik-Konzerns aus München.

Unter den dicken Brocken war Bayer Diagnostics der größte. Zum 1. Januar 2007 hat Siemens den Spezialisten für Labordiagnose aus New York zusammen mit dem US-Zukauf DPC im neuen Geschäftsgebiet Medical Solutions Diagnostics, kurz DX, zusammengeschlossen. Siemens hat für die beiden Unternehmen mehr als fünf Milliarden Euro ausgegeben, um so nach Roche zweitgrößter Anbieter der Welt zu werden.

Reinhardt ist damit fast da, wo er sein will. Fast. Denn eigentlich sieht sich der Mann, vom Habitus her Ingenieur pur, als Visionär. Seine Vision: Medizin wird künftig eine an den Bedürfnissen des einzelnen Patienten ausgerichtete Kette von Früherkennung bis zur Therapie und Nachsorge sein, die sich aller heute nur denkbaren technischen Mittel bedient. Ob genetische Früherkennung und ausgefeilte Labordiagnose, ob Krebsoperation mit Hilfe modernster optischer Analysegeräte, ob Nuklearmedizin oder internetgestützte Nachbetreuung – in Reinhardts neuer Gesundheitswelt passt das, über intelligente IT vernetzt, alles zusammen. Im Ergebnis soll eine Medizin stehen, die nicht nur besser, sondern auch viel kostengünstiger ist.

Reinhardt, der Schwabe, manchmal ist seine Rede wie eine Predigt. Bei Siemens hat er viele Jünger. Nicht zuletzt deshalb galt er in den Skandalwirren des Konzerns, die den Rücktritt von Heinrich von Pierer und Klaus Kleinfeld zur Folge hatten, immer wieder als möglicher interner Nachfolgekandidat für den Posten des Vorstandschefs. Reinhardt, das ist die seltene Verbindung eines Naturwissenschaftlers, der auch als Manager Erfolge hat – Leute von solchem Naturell haben Siemens über Jahrzehnte geprägt.

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