Soziales Unternehmertum
Fressen mit Moral

Dass Profit und Ethik zusammenpassen, davon ist Ann-Kathrin Kuhlemann überzeugt. Beim neuen Genisis-Institut fördert die 28-Jährige soziales Unternehmertum. Dass dies eine Idee mit Zukunft sein könnte, ahnte Kuhlemann schon während ihres European-Business-Studiums im britischen Portsmouth. Und ihr Engagement könnte in der Tat wegweisend sein.

Da ist zum Beispiel das Unternehmen Grameen Shakti. Gerade hat es im ländlichen Bangladesch 160 000 Armenhaushalte mit Solaranlagen ausgestattet, damit diese ausreichend Strom zur Verfügung haben. Kein Almosen, keine Subventionen – die Firma gewährt den armen Familien Kredite: Sie zahlen drei Jahre lang exakt den gleichen monatlichen Betrag zurück, den sie bisher für Energie aufgewandt haben; da die Solarzellen aber mindestens acht Jahre lang halten, beziehen die Menschen fünf Jahre lang kostenlos Strom. „Solch ein System lässt sich überall anwenden, ein Riesenmarkt für die Armen der Welt“, sagt Anne-Kathrin Kuhlemann begeistert, „das ist globales Social Business!“

Soziales Unternehmertum – das ist für die 28-Jährige die Zukunft. Sie ist Prokuristin und Mitglied der Geschäftsführung des neuen, gemeinnützigen Genisis-Instituts, das sich der Förderung von Social Business verschrieben hat. Das Institut wird von verschiedenen Stiftungen unterstützt. An diesem Wochenende veranstaltet Kuhlmann in Berlin einen großen „Vision Summit“ zum Thema. Rund 800 Menschen reisen dafür an; darunter Friedensnobelpreisträger Muhammad Yunus, Begründer jener Mikrokreditbank Grameen, Till Behnke vom gemeinnützigen Internetportal Betterplace und Götz Werner von der Drogeriemarktkette DM. Der „Zukunftskongress“ als Inspiration in Zeiten der Krise?

Tatsächlich könnte er wegweisend sein. Unternehmer, die gewinnorientiert arbeiten und mit einem Teil des Gewinns einen sozialen Zweck finanzieren; so geht Social Business. „Nur wenn Unternehmen neben ihren finanziellen auch soziale Ziele verfolgen, kann die Wirtschaft Probleme nachhaltig lösen“, findet Kuhlemann. Und der Genisis-Institutsgründer Peter Spiegel ergänzt: „Wenn sich in der jetzigen Krise die Philosophie von Social Business durchsetzen würde, käme eine ganz andere ökonomische Logik zum Tragen.“ Soziales nicht mehr als staatlich garantierter Ausgleich, sondern als direkter Leistungsantrieb.

Genisis berät interessierte Unternehmen und Gründer mit Expertise, einem weltweiten Netzwerk und der Vermittlung von Joint Ventures zwischen Sozialunternehmern und Industrie. Die studierte Betriebswirtin Ann-Kathrin Kuhlemann ist Teil des fünfköpfigen Teams. Gerade untersuchte sie Erfolgsfaktoren von Social Business weltweit; darunter auch ein Mikrofinanzprojekt in Nepal, bei dem 125 000 besonders arme Frauen – auf geringe eigene Kosten – erfolgreich lesen und schreiben lernten. Sie lernten parallel, Kleinstunternehmen und eine Dorfbank zu gründen sowie einige selbst initiierte, kleine Entwicklungsprojekte zu managen. Das Einkommen dieser Familien wuchs in drei Jahren um 800 Prozent. Kuhlemann stellt die Studie jetzt zum Gipfel vor.

Dass soziales Unternehmertum eine Idee mit Zukunft sein könnte, ahnte Kuhlemann schon während ihres European-Business-Studiums im britischen Portsmouth. Sie gründete eine studentische Unternehmensberatung – die aber „an der mangelnden Leistungsbereitschaft der Kommilitonen“ scheiterte, wie sie sagt. Warum das Konzept der studentischen Beratung auf dem englischen Markt nicht funktioniert, darüber schrieb sie ihre Diplomarbeit. Die beste des Jahrgangs. „Pionierthemen liegen mir“, sagt sie dazu.

Als Consultant bei der Managementberatung Bain & Company in Düsseldorf schob sie bald zwei Jahre lang 80-Stunden-Wochen. „Dann stagnierte die Lernkurve. In Dax-30-Konzernen allenfalls 0,01 Prozent Verbesserung herbeizuführen, darin sah ich keine Sinnerfüllung.“ Die kam dann zunächst privat mit der Hochzeit und der Geburt des Sohnes – aber auch beruflich. Kuhlemann schob ihre Promotion an der Uni Duisburg-Essen an. Thema: „Erfolgsmessung philanthropischer Investments“ – etwa bei Stiftungen oder sozialen Fonds.

Und so schließt sich der Kreis. An drei Wochentagen arbeitet sie für Genisis in ihrem Büro am Berliner Gendarmenmarkt. Die übrige Zeit gehört ihrem Sohn und der Dissertation, die bis Ende des Jahres fertig werden muss. Familie, Karriere und soziales Engagement. So sieht er aus, der Ausschnitt aus der Rushhour des Lebens. Zukunftsweisend.

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