Spießrutenlauf für Ackermann
Das Robert-Redford-Lächeln gefriert

Für den Deutsche-Bank-Chef Josef Ackermann wird die Weltwährungskonferenz in Dubai zum Spießrutenlauf. Mechanisch spult Josef Ackermann seine Rede herunter, gewohnt sicher und cool, das berühmte Robert-Redford-Lächeln ins Gesicht gemeißelt.

HB DUBAI. Jo ist unantastbar – alles wie immer. Scheinbar, denn er klebt an seinem Skript, schaut nur selten auf. Sein mattblauer Anzug versteckt ihn fast vor der gleichfarbigen Wand hinter ihm.

Doch dann kommen die Fragen der versammelten Journalisten, stakkatoartig und fast nur zu einem Thema, dem Düsseldorfer Mannesmannprozess. Ackermanns Lächeln friert ein. Plötzlich wird der Mann, der sonst bei öffentlichen Auftritten so präzise wie ein Schweizer Uhrwerk funktioniert, unsicher. Er wirkt müde und genervt.

Kurz gerät er ins Stocken, weiß nicht so recht, was er sagen soll. Alles, was ihm einfällt, sind die dürren Sätze, mit der die Deutsche Bank offiziell auf die Zulassung der Anklage wegen schwerer Untreue reagiert hat. Er beruft sich auf das Papier und verschwindet.

Das hatte sich der Chef der Deutschen Bank alles ganz anders vorgestellt. Es sollte sein großer Auftritt werden als Vorsitzender des Clubs der mächtigsten Banker der Welt. Doch als der 55-jährige Schweizer am vergangenen Sonntag in seiner Rolle als Chairman des Institutes of International Finance vor das Mikrofon tritt, da spielt er in den Augen der meisten Anwesenden einen ganz anderen Part – den des Angeklagten im Mannesmann-Prozess.

Zulassung der Anklage kam überraschend

Als am Freitagabend die Meldung von der Zulassung der Anklage über die Ticker läuft, trifft das Ackermann und seine Leute völlig überraschend, Tausende Kilometer entfernt von den heimatlichen Zwillingstürmen in Frankfurt. Mit rund 40 Mann ist die Deutsche Bank zum Jahrestreffen des Internationalen Währungsfonds nach Dubai gereist, um Kunden zu treffen und Geschäfte anzubahnen. Im Fünf-Sterne-Hotel Grand Hyatt hätte niemand damit gerechnet, dass die Versammlung der weltweiten Finanzelite für die Vertreter des mächtigsten deutschen Geldhauses zu einem Spießrutenlauf werden würde. Eigentlich waren sich Ackermann und seine Leute sicher, dass die Entscheidung über die Anklage wegen der Prämien und Pensionen, die nach der Übernahme von Mannesmann durch den Konkurrenten Vodafone gezahlt wurden, erst am nächsten oder übernächsten Wochenende fallen würde.

Die erste Reaktion auf die Hiobsbotschaft: Schotten dichtmachen. Kein Kommentar auf alle lästigen Fragen. Nein, Ackermann werde sich zur Mannesmann-Affäre nicht äußern. Dann beginnt das aktive Krisenmanagement. Am nächsten Morgen nach der Pressekonferenz von Finanzminister Hans Eichel zieht ein Mitarbeiter der Deutschen Bank den Politiker zur Seite, steckt ihm einen gefalteten Zettel zu: „Sie werden ja sicher auch nach Herrn Ackermann gefragt.“ Wird er, und mit seiner Antwort erregt Eichel nicht den Unwillen der Deutschen Bank: „Herr Ackermann hat unser volles Vertrauen.“

Front der Unterstützer formiert sich

Nach dem ersten Schock formiert sich die Front der Unterstützer: „Eigentlich wollte ich mich ja öffentlich nicht zu Herrn Ackermann äußern“, erzählt Commerzbank-Chef Klaus-Peter Müller. Aber jetzt habe er mit ihm gesprochen, und es sei ihm „ein Anliegen“. Was folgt, sind deutliche Worte: „Das ist außerordentlich bedauerlich für den Standort Deutschland, die Anklage erinnert fast schon an einen politischen Prozess, wir alle haben ihm unser volles Vertrauen ausgesprochen.“ So oder ähnlich äußern sich alle Banker, die man auf den Fall anspricht.

Was wäre, wenn Ackermann zurücktreten müsste? Das wäre nicht „nur für Ackermann sehr schlimm, sondern auch für die Deutsche Bank“, meint ein Investmentbanker. Die Führung des Geldhauses sei so stark auf den Schweizer ausgerichtet, dass ein Rücktritt schwer zu verkraften sei. „Eigentlich gibt es im gesamten Vorstand keinen geeigneten Nachfolger“, findet der Investmentbanker.

Der so in Schutz Genommene übt sich in Disziplin. Zwar hat Ackermann eine böse Überraschung hinter sich, die sein ganzes Leben verändern könnte. Der Mannesmann-Prozess könnte die glänzende Karriere des Landarztsohnes abrupt unterbrechen, die ihn von der Hochschule St. Gallen über die Credit Suisse bis an die Spitze der Deutschen Bank geführt hat.

Doch das heißt noch lange nicht, dass er seinen Stundenplan nicht penibel einhält. Alles soll laufen wie normal. Das ganze Wochenende hält Ackermann jeden Termin ein, egal ob er mit einem arabischen Politiker verhandelt oder mit dem Kronprinzen von Dubai über Geschäfte spricht. „Das muss enormer Stress sein, schließlich achtet jetzt jeder auch noch auf das geringste Zucken in seinem Gesicht“, erzählt einer, der ihn getroffen hat. Aber Ackermann habe sich sehr tapfer gehalten. Genervt sei er zwar gewesen und verärgert, aber nicht angeschlagen oder gar resigniert.

Schnell wieder Haltung gefunden

Dann kommt der Sonntag und mit ihm die besagte Pressekonferenz, auf der die Maske zum ersten Mal verrutscht, und er für kurze Zeit ins Stocken gerät. Doch das bleibt ein kurzes Zwischenspiel. Ackermann wäre nicht Ackermann, wenn er nicht schnell in die Rolle des smarten und coolen Bankers zurückfände: Dauerlächeln anknipsen und Charme versprühen.

Das muss auch sein, denn am Sonntagabend steht die Einladung der Deutschen Bank auf dem Programm. Bankvorstände, Notenbanker und Politiker haben sich im Grand Hyatt versammelt, um den Berliner Philharmonikern zu lauschen. Mozart sorgt für Harmonie.

Auch Ackermann strahlt wieder Souveränität aus. „Die ganze Solidarität hat ihm, glaube ich, wirklich sehr gut getan“, berichtet ein Bankvorstand. „Aber wirklich helfen kann das natürlich nicht.“

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