Spinnens Sprachstunde
Denglisch

Aus gegebenem Anlass möchte ich mich heute einmal wieder an etwas Grundsätzlichem versuchen. Ich erhalte nämlich manchmal Zuschriften, in denen mich Leser darauf aufmerksam machen, dass es sich bei dem ein oder anderen Ausdruck oder einer bestimmten Wendung, die ich aufs Korn genommen habe, um eine Übersetzung aus einer anderen Sprache handelt, meistens natürlich aus dem Englischen. Und damit sei, so argumentieren die Schreiber dann, der Kritik doch alle Grundlage entzogen. Ober ob ich vielleicht etwas gegen Übersetzungen hätte?

HB DÜSSELDORF. Habe ich natürlich nicht. Es ist ja zweifellos eine der größten Kulturleistungen, die babylonische Sprachentrennung der Menschheit nicht als Naturkatastrophe hinzunehmen, sondern durch Übersetzung den Austausch zwischen den Kulturen zu befördern. Ich selbst lese, wie sicher viele von Ihnen, zum Beispiel häufig übersetzte Literatur, und ich tue das in dem Vertrauen, dass ein fähiger Übersetzer mir nicht nur den Inhalt, sondern auch Sinn und Wesen des übersetzten Textes vermittelt.

Aber gerade bei einer solchen, einer wesentlichen Übertragung wird der Übersetzer sich nicht verhalten können wie diese kleinen elektronischen Geräte, die mit wenig Rücksicht auf den Kontext und quasi eins zu eins übersetzen. Nach dem Muster: Nun geht es los – now goes it loose. Der verantwortungsbewusste Übersetzer wird vielmehr immer wieder ermitteln müssen, welcher Ausdruck der Zielsprache dem in der Quelle verwendeten entspricht. Wo der Niederländer sagt: „Da lässt einer die empfindsame Seele heraushängen“, wird er daher nicht genau so, sondern vielleicht mit „Da markiert einer den Empfindlichen“ übersetzen.

Und damit zum Wirtschafts- Denglisch, das manche Schreiber vor meiner Kritik in Schutz nehmen möchten. Ich bin selbstverständlich damit einverstanden, wenn sich ein gewisses Fach-Vokabular weltweit ausbreitet. Das verhindert Missverständnisse und reduziert den Interpretationsspiel- raum auf das notwendige Maß. Wie im Recht wünscht sich die Wirtschaft ja auch in der Sprache ein möglichst hohes Maß an Sicherheit und Kompatibilität.

Andererseits aber will und kann ich nicht verstehen, warum auch über den Kreis der Fachtermini hinaus eine Internationalisierung (was immer bedeutet: Anglifizierung) des Vokabulars vorangetrieben werden soll. Denn erstens: Warum „übersetze“ ich englische Wendungen ins Deutsche, wo doch deutsche Texte, gedruckt oder gesprochen, sich ausschließlich wieder an Deutsch verstehende und lesende Menschen wenden. Mit Englischsprechern Englisch zu sprechen macht (Pardon: hat!) Sinn; aber warum um alles in der Welt muss ich beim Reden mit Deutschen englische Ausdrücke in fragwürdiger deutscher Übertragung verwenden?

Und zweitens: Wissen denn alle Produzenten des Denglischen eigentlich so ganz genau, welchen Ruf die Vokabeln und Wendungen in ihrer Ursprungssprache haben? Selbstverständlich ist doch nicht nur das deutsche oder das spanische Alltagssprechen durchzogen von allenfalls mittelprächtigen Elementen, auf die man tunlichst verzichtet, wenn es etwas gediegener und gepflegter zugehen soll. Für einen Nicht-Muttersprachler aber braucht es viel Erfahrung und Einfühlungsvermögen, um in der fremden Sprache zwischen nachlässigem Alltagsjargon und gelingendem Ausdruck zu unterscheiden.

Sie sehen, ich glaube zumindest, gute Gründe zu haben, weiterhin durchs Denglische zu streifen, um dort sinnvolle Fachsprache von pseudo-internationaler Dicketuerei bzw. Dünnbrettbohrerei zu scheiden. Und auf Ihre Mithilfe dabei freue ich mich ebenso wie auf Ihre kritische Begleitung.

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