Spitzname abwechselnd „Stalin“ oder „Napoleon“
Marc Conrad: Der Mann mit der goldenen Nase

Nach sechs Jahren kehrt Marc Conrad an die Spitze von RTL zurück. Als Geschäftsführer soll „Stalin“ den Privatsender wieder ganz nach vorn bringen.

Gibt es etwas Schlimmeres für einen Produzenten? Der Film ist fast abgedreht, der Schauplatz erstrahlt im Sonnenlicht, und die Journalisten sind da. Eineinhalb Jahre hat Marc Conrad, 44, am 6,7 Millionen Euro teuren Film „Die Hochzeitsfeier“ gebastelt. Zwei Jahre war er auf der Suche nach dem geeigneten Filmset, bis er auf das verwahrloste Wasserschlösschen Dreiborn in der Eifel aufmerksam wurde. Und jetzt ist den Journalisten der Film Schnuppe. Marc Conrad macht gute Miene zum doofen Spiel. Denn wer es von den Journalisten nicht weiß, der ahnt es. Der Filmemacher Marc Conrad ist Geschichte. Vor ihnen steht der neue Chef von RTL. Und der zürnt. „Ich möchte nicht nach sechs Jahren zurückkommen und Dinge ankündigen, ohne mit den Mitarbeitern gesprochen und mir ein Bild verschafft zu haben.“

Als wenn er das nötig hätte. Wenn jemand den Kölner Sender in – und auswendig kennt, dann ist das Marc Conrad. Der Sohn eines Eisenbahnbeamten aus Luxemburg war einer von den legendären 25 Nasen, die 1983 RTL in einer Luxemburger Garage aus der Taufe hoben. Conrad war schnell der Mann hinter Helmut Thoma. 1988 stieg er zum persönlichen Referenten des RTL-Sonnenkönigs auf. Und er hat mit seinem Ziehvater im Luxemburger „Cafe Paris“ nicht nur so manches Glas geleert, sondern auch das deutsche Trash-TV erfunden. Ja, Conrad war schon bei RTL, als diese Abkürzung noch für „Rammeln – Töten – Lallen“ stand.

Als bei „Tutti Frutti“ Brüste gelüftet und auf dem „Heißen Stuhl“ Kandidaten bis zum Heulkrampf genervt wurden. Für Marc Conrad war es eine schöne Zeit. „Ich kam direkt von der Uni und durfte den größten Sender in Europa mit aufbauen. So eine Chance gibt es nur alle 100 Jahre.“ Und der kleine Mann nutzte die große Chance. Mit 31 Jahren ist er Programmdirektor. Und wurde größenwahnsinnig, wie einer meint, der damals dabei war. Conrad genoss den Neid. Dass er keinen Respekt vor großen Namen hatte, hat ihm immer geholfen. Wie seine goldene Nase für Talente. Marc Conrad hat Linda de Mol entdeckt. Und er machte mit „Dr. Stefan Frank“ aus einer Monotonie in Mull ebenso einen Erfolg wie aus der Actionserie „Alarm für Cobra 11“.

Schnelle und eiskalte Entscheidungen

Weil er schnell und eiskalt entscheidet, nannten sie ihn bei RTL abwechselnd „Stalin“ oder „Napoleon“. Die Kukident-Generation erlebte mit ihm ihr Waterloo beim Sender. Der Senioren-Marktschreier Harry Wijnvoord wurde mit „Der Preis ist heiß“ in den Vormittag verbannt. Die Rich-Kids-Schmonzette „Beverly Hills 90210“ kam rein. Es war Marc Conrad, der die Zielgruppe der jungen Zuschauer zum Maß aller Dinge erhob. „Wir wollen keine Opas mit Schlafstörungen.“ Das war damals sein Glaubensbekenntnis. Als RTL 1997 mit einem Marktanteil von 16,1 Prozent den schlechtesten Wert seit fünf Jahren beklagen musste, konnte Helmut Thoma seinen Adlatus nicht mehr durchsetzen. 1998 setzte der Bertelsmann-Konzern seinen Kandidaten Gerhard Zeiler durch. Eine Riesenenttäuschung für Marc Conrad. Er schied im Dezember 1998 aus. Den Lockungen der Kirchs, Sabans und Murdochs dieser Welt widerstand er.

Marc Conrad tauschte den Anzug gegen das Polohemd. Und begann, mit 40 Mitarbeitern und seiner Firma „Typhoon“ Kinofilme und TV Movies zu produzieren. Auch für RTL. Denn da saß ja sein Übervater Thoma immer noch im Aufsichtsrat. Man muss kein Insider sein, um zu wissen, dass der barocke RTL-Gott bei der wundersamen Rückkehr Conrads seine Finger im Spiel hatte. Aber mussten sie ihn ausgerechnet jetzt holen, wo überall der Sand aus dem Getriebe rieselt? Die zweite Staffel von „Deutschland sucht den Superstar“ schwächelte. Die Werbepreise für „Beauty Queen“ und „,Meine schönsten Jahre“ musste RTL um ein Drittel senken. Aber zu spät. Conrads erster Arbeitstag als Geschäftsführer ist der 1.11.2004. Und es ist so, als wenn er nie weg gewesen wäre. „Explosiv“, „Unter uns“, „Gute Zeiten, schlechte Zeiten“ und „Alarm für Cobra 11“ sind immer noch da. Alles Conrad-Formate. Und was noch wichtiger ist: Marc Conrads Geheimwaffe ist auch noch da. Programmdirektor Frank Berners, der Nerd vom Dienst. Conrads Entdeckung. Von Conrad in alle Welt geschickt. Berners kennt alles und jeden. Wenn irgendwo auf dem Globus ein TV-Format erfolgreich ist, weiß der schwergewichtige Mann Bescheid. Und der erste, dem er es erzählt, ist Marc Conrad.

Seite 1:

Marc Conrad: Der Mann mit der goldenen Nase

Seite 2:

Serviceangebote
Zur Startseite
-0%1%2%3%4%5%6%7%8%9%10%11%12%13%14%15%16%17%18%19%20%21%22%23%24%25%26%27%28%29%30%31%32%33%34%35%36%37%38%39%40%41%42%43%44%45%46%47%48%49%50%51%52%53%54%55%56%57%58%59%60%61%62%63%64%65%66%67%68%69%70%71%72%73%74%75%76%77%78%79%80%81%82%83%84%85%86%87%88%89%90%91%92%93%94%95%96%97%98%99%100%