Management
Sprachmaschine der Geldpolitik

Irgendwann anno 1989 irrte Jean-Claude Trichet gewaltig. „Du machst eine Dummheit“, warnte er als väterlicher Chef einen jungen Beamten, der die prestigeträchtigste Abteilung der französischen Finanzverwaltung, das Schatzamt, verlassen wollte. Doch der Mitarbeiter blieb stur, nahm einen Job in der Privatwirtschaft an. Heute ist Henri de Castries Chef von Axa, dem mit einem Umsatz von 80 Milliarden Euro zweitgrößten Versicherer Europas.

PARIS. Sein einstiger Chef, der Mann, der von Samstag an für acht Jahre als Präsident der Europäischen Zentralbank (EZB) die Rahmenbedingungen für die Weltwirtschaft entscheidend mitbestimmt, konnte sich nicht vorstellen, dass ein Spitzenbeamter in der Privatwirtschaft reüssieren könnte. Für Trichet selbst kam nie eine andere Karriere als die eines Staatsdieners in Frage. Das mag den misslungenen Ratschlag erklären – einer der wenigen misslungenen Momente seiner Karriere.

Formvollendet verabschiedete sich der 61-Jährige vergangene Woche von der Banque de France (BdF), an deren Spitze er zehn Jahre stand. Die Damen erquickte er mit Handküssen. Die vergoldeten Wände der 40 Meter langen „Galerie dorée“ im Hôtel de Toulouse, dem Sitz der BdF in Paris, funkelten im Licht der Kristallleuchter. Einige wohl gewählte Worte, dann klingelten die Champagnergläser.

Doch auf den Prunk des öffentlichen Dienstes à la française wird Trichet fortan verzichten müssen. Im Euro-Tower zu Frankfurt regiert Nüchternheit. So fand denn auch der Abschied von EZB-Chef Wim Duisenberg in dem fensterlosen Konferenzraum statt, in dem sonst die Pressekonferenzen abgehalten werden. Nur die Stuhlreihen wurden durch Tische ersetzt.

Über 30 Jahre hat Trichet auf den ersten November 2003 hingearbeitet. Und wenn er auch hin und wieder irrte – beirren ließ er sich nicht. Erst recht nicht von der Politik. Zwar sympathisierte der junge Bretone mit den Sozialisten: Ein politisches Abzeichen ließ er sich dennoch nicht anheften. Als einem der wenigen hohen Beamten in Frankreich gelang es ihm, trotz zahlreicher Regierungswechsel von Paris nie „in die Wüste“ geschickt zu werden. So machte ihn der konservative Finanzminister Edouard Balladur 1987 zum Schatzamtschef. Als dann die Linken 1988 die Macht zurückgewannen, durfte Trichet bleiben.

Seine Gegner mögen das als Opportunismus bezeichnen. Seine Freunde sprechen dagegen lieber von guten Argumenten, mit denen er sich am Ende stets durchzusetzen wusste. Für Daniel Bouton, den Chef der Großbank Société Générale, ist Trichet schlicht „einer der besten Zentralbanker auf der Welt“.

Als zum Beispiel Präsidentschaftskandidat Chirac 1995 niedrigere Zinsen von Trichet forderte, um das Wachstum anzukurbeln, blieb der BdF-Gouverneur eisern. Mit einem Stapel Statistiken ging er zu Chirac, um den Tobenden zu überzeugen. „Ayatollah des starken Francs“ schimpften die Medien.

Der Franc blieb stark. Und auch in dieser Sache behielt Trichet Recht: Die Wirtschaft Frankreichs war wettbewerbsfähiger geworden und wuchs stärker als die deutsche.

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