Stahlbranche
Raus aus der zweiten Reihe

Der designierte Klöco-Chef Gisbert Rühl muss für den Stahlhändler einen Weg aus der Krise finden. Der Vorteil des 50-Jährigen ist, dass er das Duisburger Unternehmen durch und durch kennt. Für die Familie dürfte der zwei Meter große Manager in nächster Zeit weniger Zeit haben.

FRANKFURT. Gisbert Rühl braucht einige Zeit, bis er mit der neuen Situation warm geworden ist. Geduldig lässt er sich von den Fotografen vor der Duisburger Zentrale in die richtige Position bugsieren, bis die Bilder im Kasten sind. Erst als die Apparate zur Seite gelegt sind, taut der designierte Vorstandschef des Stahlhändlers Klöckner & Co auf und traut sich, auch was Persönliches zu erzählen. Es ist der 31. März, und wenige Stunden zuvor hat Amtsinhaber Thomas Ludwig seinen Rückzug von der Konzernspitze zum Jahreswechsel bekanntgegeben. Als Nachfolger bestimmt der Aufsichtsrat den bisherigen Finanzchef Gisbert Rühl. An das öffentliche Interesse wird er sich gewöhnen müssen: Auf der heutigen Hauptversammlung rückt Rühl erneut ins Rampenlicht.

Für den 50-Jährigen spricht, dass er das Duisburger Unternehmen durch und durch kennt. Seit Juli 2005 ist er im Vorstand für die Finanzen verantwortlich und hält den Draht zu Investoren und Banken. Hier genießt er hohes Vertrauen, wie sich an dem erfolgreichen Abschluss der Gespräche über die Kreditlinien zeigt. Zwar halbiert sich das zugesagte Darlehensvolumen auf 300 Mio. Euro, dafür ist es frei von Auflagen. Die Gefahr einer plötzlichen Kündigung, etwa weil Kennzahlen nicht erreicht werden, ist damit gebannt.

Der gebürtige Westfale ist über Stationen bei Rütgers, Babcock Borsig und der Unternehmensberatung Roland Berger zu Klöckner gekommen. "Die Mischung aus Beratung und Vorstandserfahrung war einer der Gründe, warum Rühl als neuer Vorstandsvorsitzender berufen wurde", heißt es im Konzern. Aufsichtsratschef Dieter Vogel bescheinigt dem Wirtschaftsingenieur: "Er bringt alle Fähigkeiten mit, um das Unternehmen durch eine schwierige Marktphase zu führen."

In der Firma trifft er auf eine breite Akzeptanz. Auch wenn Rühl erst seit vier Jahren im Unternehmen sei, habe er nur noch ein Hobby: den Stahl, heißt es in seinem Umfeld. "Auch bei Veranstaltungen außerhalb der Firmenräume drehen sich viele Gespräche um den Stahlmarkt." Die Fokussierung auf den Werkstoff lässt den dreifachen Familienvater im ersten Eindruck hölzern und steif wirken. Erst im Gesprächsverlauf wird Rühl lockerer, erzählt, dass er Golf spielt und noch gerne einige Jahre im Ausland arbeiten würde. "In erste Linie kommt außerhalb der Arbeit aber die Familie", betont er.

Für die dürfte der knapp zwei Meter große Manager in nächster Zeit weniger Zeit haben. Denn der Stahlmarkt befindet sich in einer tiefen Krise und mit ihr Klöckner & Co. Als einer der größten unabhängigen Stahlhändler kann sich die Gesellschaft dem Abschwung nicht entziehen. Vor allem die Zurückhaltung der wichtigen Kunden aus der Bauindustrie trifft die Gesellschaft hart.

Seit Einbruch der Krise im Herbst vergangenen Jahres häufte der Duisburger Handelskonzern Verluste in Höhe von 250 Mio. Euro an, eine Erholung im laufenden Quartal erwartet das Unternehmen nicht. So könnten auch im Gesamtjahr unter dem Strich rote Zahlen stehen. Nur mit tiefen Einschnitten kann die Führung das Unternehmen auf Kurs halten. Insgesamt streicht Klöckner rund 15 Prozent seiner weltweit 10 000 Arbeitsplätze. Alle Hoffnungen richten sich daher auf die öffentlichen Konjunkturprogramme: Greifen sie, wäre Klöckner eine der ersten Firmen, die davon profitieren würden.

Als Finanzvorstand weiß Rühl, wie es um die Gesellschaft steht. An der Ausarbeitung der Sparpläne soll er federführend beteiligt gewesen sein. "Für ihn spricht seine starke analytische Arbeitsweise", heißt es im Konzern. Nun müsse er aber beweisen, dass er auch operativ erfolgreich sei.

Rühl tritt in große Fußstapfen. Der amtierende Vorstandschef Thomas Ludwig ist seit einem Vierteljahrhundert im Stahlgeschäft - 16 davon bei Klöckner & Co. Bei der heutigen Hauptversammlung wird er letztmalig als Klöckner-Chef reden.

Ludwig brachte das Unternehmen 2006 an die Börse und gilt als ausgewiesener Stahlexperte. Sein Rückzug soll nicht im Zusammenhang mit der Branchenflaute stehen. Ludwig habe den Vorstandsvorsitz schon früher aufgeben wollen, sei aber wegen der Krise länger im Amt geblieben, heißt es in Konzernkreisen. Seine Lebensplanung habe vorgesehen, dass er nach seinem sechzigsten Geburtstag ausscheide. Diese Schwelle hatte er im November überschritten.

In den verbliebenen Monaten als Vorstandsvorsitzender will Ludwig eine geordnete Übergabe der Geschäfte an den zehn Jahre jüngeren Rühl leisten. Eine Rivalität kommt dabei offenbar nicht auf. In hochrangigen Konzernkreisen heißt es dazu: "Die Zusammenarbeit der beiden Vorstände klappt reibungslos." Rühl betont auch, dass er den eingeschlagenen Weg fortsetzen wird. Er werde das Unternehmen nach der Übernahme des Chefpostens nicht völlig umkrempeln. "Dann müsste ich mich ja fragen, was ich die vergangenen Jahre hier getan habe", sagt er. Die geordnete Staffelübergabe stößt bei Experten auf Zustimmung. "Rühl genießt das Vertrauen der Märkte", sagt ein Analyst. Denkbar ist, dass Ludwig seinen Chefsessel bereits vor dem Jahreswechsel räumen könnte. Dazu müsste aber ein neuer Finanzvorstand gefunden werden. Über die Personalie will der Aufsichtsrat im Herbst entscheiden.

Auch wenn Rühl noch nicht die Spitze erklommen hat, profitiert er von dem anstehenden Wechsel. Wenige Tage bevor der Aufsichtsrat die Nachfolgeregelung beschloss, kauft er 5 000 Klöckner-Aktien zum Stückpreis von 5,72 Euro. Mittlerweile kostet der Titel mehr als 15 Euro.

Gisbert Rühl

1959 Er wird am 4. Februar im westfälischen Unna geboren.

1987 Nach dem Wirtschaftsingenieurstudium startet er seine berufliche Karriere als Unternehmensberater bei Roland Berger.

1993 Nach diversen Management-Posten wechselt er zum Chemiekonzern Rütgers, dort ist er unter anderem für die Sparte Automotive verantwortlich.

1999 Rühl geht als Vorstandsmitglied zum Anlagenbauer Babcock Borsig.

2002 Rückkehr zu Roland Berger als Partner und Gesellschafter.

2005 Rühl geht als Finanzvorstand zu Klöckner & Co.

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