Statoil-Chef stolpert über Bestechungsskandal
Schwarzer Tag für den Din-A4-Mann

Manche freuen sich, wenn sie früher aufhören dürfen. Olav Fjell gehört nicht zu ihnen. „Ein schwarzer Tag für mich“, sagt ein völlig übermüdeter nur noch „Ex“-Statoil-Chef. Nach einer mehr als neunstündigen Sitzung des Aufsichtsrats teilt der 52-Jährige am gestrigen Morgen seinen Rücktritt mit.

HB STOCKHOLM. Schwarz ist der Tag, weil Fjell, der Norwegens größten Ölkonzern seit 1999 leitet, als besonders vorsichtig, ja fast penibel und immer pflichtbewusst galt. Ethik im Geschäftsleben war für ihn wichtig, er hat darüber oft und manchmal auch öffentlich philosophiert.

Und nun das. Der dreifache Familienvater stolpert über Bestechungsvorwürfe. Die hat die norwegische Antikorruptionsbehörde Ökokrim gegen den Ölmulti erhoben. Dem Unternehmen, das Fjell nach der Teilprivatisierung vor zwei Jahren zum umsatzgrößten Konzern Nordeuropas hinter Nokia entwickelt hat, werden schwere Vorwürfe gemacht: Es habe Bestechungsgelder an iranische Berater gezahlt. Ob Fjell juristisch dafür verantwortlich gemacht werden kann, ist zwar zweifelhaft.

Doch die Folgen sind fatal: Schon vor zwei Wochen musste der Leiter des Bereichs Exploration und Produktion, Richard Hubbard, gehen. Am vergangenen Sonntag stolperte dann Aufsichtsratschef Terje Løddesøl über die Affäre.

Die blütenweiße Weste Fjells erhielt vergangene Woche die ersten Flecken, als der Aufsichtsrat ihm eine Teilschuld für die Affäre gab, ihm aber das weitere Vertrauen aussprach. Fjell selbst hat bis zuletzt um den Erhalt seines Postens gekämpft. Vergeblich. Nach der Marathonsitzung, die bis in den frühen Dienstag dauerte, musste er seinen Stuhl räumen. „Hätten wir den Beratervertrag nicht abgeschlossen, wäre das alles nicht geschehen“, sagte ein übernächtigter Fjell.

Hätte, wenn und wäre: Am 11. Juni vergangenen Jahres gibt Fjell persönlich einem seiner engsten Mitarbeiter die Vollmacht, einen Beratervertrag mit der im karibischen Steuerparadies Turks & Caicos registrierten Horton Investments zu unterzeichnen, die Iranern gehört. Das Unternehmen sollte den Norwegern helfen, auf dem iranischen Öl- und Gasmarkt Fuß zu fassen: offenbar mit Erfolg, denn Statoil ist einer der wichtigsten Akteure auf dem größten Gasfeld der Welt, South Pars, im Persischen Golf.

Horton Investments verlangte für seine Vermittlerdienste 15 Millionen US-Dollar. Einen Teil des Geldes, und besonders für diesen Teil interessieren sich die Fahnder der Ökokrim, soll von Horton Investments an Mehdi Hashemi Rafsandschani geflossen seien. Er ist Sohn des ehemaligen iranischen Präsidenten und, wichtiger noch, Direktor einer der Tochtergesellschaften des staatlichen iranischen Ölkonzerns Nioc. Nioc ist heute Partner von Statoil bei der Exploration von South Pars.

Fjell kann nicht behaupten, er habe von alledem nichts gewusst. Der Ex-Banker, der auch Jahre nach seiner Ernennung zum Statoil-Chef mit seinem konservativen grauen Anzug, der eng gebundenen Krawatte immer noch aussah wie der Leiter der örtlichen Sparkasse, wurde schon im April informiert, dass ein Teil der Beratungsgelder möglicherweise als Schmiergelder an Rafsandschani weitergezahlt worden sei. Doch der sonst so genaue Ökonom, der sich als „Din-A4-Mann“ bezeichnet, hat möglicherweise zwei Augen zugedrückt.

Bis die Antikorruptionsbehörde von der Sache Wind bekommt und Anfang dieses Monats Hausdurchsuchungen bei Statoil in Oslo anordnet. Was dort gefunden wurde, ist bisher nicht bekannt. Doch allein die Tatsache, dass Norwegens Vorzeigekonzern in krumme Geschäfte verwickelt sein könnte, ließ das Personalkarussell sich schnell drehen. Dass der norwegische Staat mit 82 Prozent immer noch absolut größter Statoil-Eigner ist, lässt ein Spiel mit gezinkten Karten nicht zu.

Nach dem Rücktritt des Aufsichtsratsvorsitzenden Løddesøl am vergangenen Sonntag war für alle außer Fjell klar, dass seine letzten Tage an der Spitze des Konzerns gezählt waren. „Ich möchte bleiben“, sagte er noch vorgestern Abend bei der Ankunft zu der Aufsichtsratssitzung, die seine letzte bei Statoil werden sollte.

Fjell war beliebt bei seinen 17 000 Mitarbeitern. Hoch angerechnet wurde dem schmächtigen ehemaligen Chef der staatlichen norwegischen Postbank, dass er, der noch nie einen Fuß auf eine Ölplattform gesetzt hatte, sich so schnell in die komplizierte Branche hat einarbeiten können.

Er präsentierte schnell hervorragende Ergebnisse für Statoil und war mitverantwortlich, dass der Konzern seinen Horizont über den Nordatlantik hinaus erweiterte. „Er hat einen guten Job gemacht“, sagt Bjørn Inge Tønnessen, Analyst bei der Gjensidige Nor Equities in Oslo. Unersetzlich sei er aber nicht, so die messerscharfe Analyse des Experten.

Ersatz für Fjell wurde schnell gefunden. Noch während der Nachtsitzung konnte Inge Hansen, 57, bislang Finanzchef bei Statoil als interimistische Spitze präsentiert werden. Der erklärte, dass die internationale Strategie beibehalten werde. Und vergaß auch nicht, sich als endgültiger Kandidat für die Nachfolge Fjells ins Gespräch zu bringen.

Hansen trifft auf harte Konkurrenz: Denn kurz nach dem Rücktritt von Fjell liest sich die Liste seiner möglichen Nachfolger wie das „Who is who“ der norwegischen Wirtschaft.

Fjell selbst muss sich um seine finanzielle Zukunft nicht sorgen: Ganz der Bankmann, handelte er sich eine feine Abfindung im Falle seines Rücktritts aus. Sowie eine schöne Pension ab seinem 60. Lebensjahr.

Helmut Steuer berichtet für das Handelsblatt aus Skandinavien. Regelmäßig ist er auch in der Ukraine unterwegs.
Helmut Steuer
Handelsblatt / Korrespondent
Serviceangebote
Zur Startseite
-0%1%2%3%4%5%6%7%8%9%10%11%12%13%14%15%16%17%18%19%20%21%22%23%24%25%26%27%28%29%30%31%32%33%34%35%36%37%38%39%40%41%42%43%44%45%46%47%48%49%50%51%52%53%54%55%56%57%58%59%60%61%62%63%64%65%66%67%68%69%70%71%72%73%74%75%76%77%78%79%80%81%82%83%84%85%86%87%88%89%90%91%92%93%94%95%96%97%98%99%100%