Statuspiel und Machtkampf
Wer sich schämt, hat schon verloren

Wer den hierarchischen Status von hohen Tieren für sich selbst nicht akzeptiert und ihnen ungeniert in die Quere kommt, muss einstecken können. Statusbewusste Manager lavieren daher geschickt zwischen Unterwerfen und Dominieren.

KÖLN. ARD-Korrespondent Ernst Dieter Lueg ließ sich nichts anmerken. Doch die Beleidigung saß. Im Interview hatte er SPD-Fraktionschef Herbert Wehner vorgeworfen, dass der Partei bei der Wahl die Arbeiter in Scharen davongelaufen waren – und prompt diesen Seitenhieb kassiert: Wehner redete ihn die ganze Zeit mit „Herr Lüg“ – statt „Herr Lueg“ mit Dehnungs-E – an und machte so klar, wie wenig er von ihm hielt. Doch der federte den Affront des bärbeißigen Politikers elegant ab. Bis zum Schluss ertrug er die Herabsetzung, um das Interview dann mit dem verbalen Florettstich zu beenden: „Vielen Dank, Herr Wöhner“.

Lueg schrieb mit seinem Wortduell in den 70ern TV-Geschichte und bewies Millionen von Zuschauern, dass Status, Hierarchie und Macht in einer Demokratie selbst hochrangige Politiker nicht vor unangenehmen Fragen schützen. Der Schlagabtausch offenbarte auch: Wer den hierarchischen Status von hohen Tieren für sich selbst nicht akzeptiert und ihnen ungeniert in die Quere kommt, muss einstecken können. Und er sollte das Statusspiel um Dominanz und Unterordnung tunlichst beherrschen. „Dominanz und Unterordnung gehören zu jeder Kommunikation dazu“, konstatieren der Organisationswissenschaftler Johannes Lehner und der Kommunikationswissenschaftler Walter Ötsch in ihrem Buch „Jenseits der Hierarchie – Status im beruflichen Alltag erfolgreich gestalten“, das jetzt im Wiley-Verlag erscheint.

„Immer, wenn zwei oder mehrere Personen miteinander zu tun haben, werden Macht, Einfluss und soziales Gewicht verteilt. Wer hat in der aktuellen Situation mehr zu sagen, wer kann sich Gehör verschaffen, wer setzt sich durch, und wem wird etwas aufgedrückt?“ Diese Positionen werden in jedem Gespräch – immer und überall – laufend abgesteckt. Selbst wenn sich die Leute lange kennen und die Rollen verteilt scheinen, so sind die Interessen nicht immer dieselben: Mal wird der Fordernde zum Bittsteller, mal der Kontrolleur zum Geforderten.

Vor allem: Flache Hierarchien und zunehmende Projektarbeit in immer schneller wechselnden Teams haben das traditionelle Statusgefüge in den Betrieben kräftig durcheinander gewirbelt. „Macht und sozialer Einfluss werden heute nicht mehr automatisch mit Amt, Titel oder Position vergeben. Sie wollen erkämpft sein“, weiß Ötsch. Und das sogar täglich neu.

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