Stefan Lippe
Ein Deutscher soll's bei Swiss Re richten

Stefan Lippe folgt bei dem Schweizer Rückversicherer auf den glücklosen Franzosen Jacques Aigrain. Er soll den Konzern vom Ausflug in die obskure Welt der Credit Default Swaps, die das Finanzunternehmen aus der Bahn warf, zurück auf den Pfad der Tugend führen. Das letzte Lob über Aigrain klang bereits nur noch wie ein Lippenbekenntnis.

ZÜRICH. „Ich bin sehr beeindruckt von Jacques Aigrain und seinem Management-Team“, sagte Warren Buffett über den Franzosen an der Spitze der Swiss Re. Kurz zuvor hatte der legendäre US-Investor der Schweizer Rückversicherung mit einer Kapitalspritze von drei Mrd. Franken neues Leben eingehaucht. Dass Buffett ausgerechnet dem Mann auf die Schulter klopfte, der den Konzern an den finanziellen Abgrund geführt hat, war vermutlich der Dank dafür, dass Swiss Re für ihre Rettung einen hohen Preis zahlen muss.

Nur eine Woche später hat der hochkarätig besetzte Verwaltungsrat Aigrain zum Rücktritt gezwungen und seinen Stellvertreter Stefan Lippe als neuen Konzernchef installiert. Nach einem Jahresverlust von einer Mrd. Franken und angesichts der wachsenden Nervosität unter den Investoren, war der Franzose nicht mehr zu halten. Aigrain räumte selbst ein, dass die Aktionäre ihm einen Neuanfang nicht mehr zutrauten. Die Börse reagierte mit einem Plus von zeitweilig vier Prozent, nachdem der Kurs in diesem Jahr um mehr als 60 Prozent eingebrochen war.

Eine Heldentat war die Ablösung von Aigrain nicht. Waren es doch Verwaltungsratspräsident Peter Forstmoser und vor allem sein Stellvertreter Walter Kielholz, die den Investmentbanker Aigrain 2006 an die Konzernspitze holten und ihm den Auftrag gaben, aus dem „langweiligen“ Rückversicherer einen renditehungrigen Alleskönner zu machen. Der Ausflug in die obskure Welt der Credit Default Swaps hat die Schweizer völlig aus der Bahn geworfen. Die Quittung sind Abschreibungen in Höhe von sechs Mrd. Franken auf eben jene Kreditderivate. Bezahlen dafür muss jetzt zunächst Aigrain. Der Verwaltungsrat kann sich jedoch auf eine turbulente Aktionärsversammlung gefasst machen.

Lippe soll Swiss Re nun zurück auf den Pfad der Tugend führen. Im Klartext lautet sein Auftrag, den Rückversicherer wieder auf sein Kerngeschäft zu konzentrieren. „Mir sind die Herausforderungen, die Swiss Re angehen muss, klar“, sagte der 53-jährige Deutsche. Er ist seit 25 Jahren für den Schweizer Konzern in unterschiedlichen Funktionen tätig. Der Versicherungsmathematiker startete 1983 bei der Bayerischen Rück, die später von der Swiss Re aufgekauft wurde. Nach verschiedenen Stationen übernahm Lippe in München 1993 den Vorstandsvorsitz der bayerischen Tochter. Im vergangenen September wurde er dann Stellvertreter von Aigrain.

Anders als sein Vorgänger ist Lippe vom Scheitel bis zur Sohle ein Versicherungsmensch. Dennoch erfüllt er nicht die üblichen Klischees eines spröden Technokraten. Vielmehr gilt er als offen, locker und humorvoll. Eigenschaften, die er intern gut gebrauchen kann. Hat das Betriebsklima unter dem rüden Führungsstil von Aigrain doch stark gelitten. Mitarbeiter sprachen gar von einem Kulturkampf zwischen den Traditionalisten und den Finanzmarktakteuren.

Der neue Chef muss nun eine schwierige Gratwanderung bewältigen. Einerseits haben Anleger und Mitarbeiter das Vertrauen in Finanzmarktprodukte verloren und fordern eine Rückkehr zu den Ursprüngen des Versicherungsgeschäfts. Andererseits wird die Swiss Re auf moderne Finanzinnovationen kaum verzichten können, um bestimmte Risiken wie Unwetter möglichst breit zu streuen. Um hier die richtige Balance zu finden, benötigt Lippe vor allem Selbstbewusstsein und Glaubwürdigkeit. Genau jene Stärken, die ihm frühere Kollegen bestätigen.

Torsten Riecke leitet das Ressort Meinung & Analyse. Er befasst sich vor allem mit Wirtschafts- und Finanzthemen.
Torsten Riecke
Handelsblatt / International Correspondent
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