Stefan Lippe sitzt als Deutscher in der Geschäftsleitung der Swiss Re
Der Mathematiker vom Mythenquai

Er lacht. „Ja, ich fahre mein Auto gerne selber. Den S6 Kombi von Audi.“ Warum den? Der Wagen erfülle das Vierradkriterium, fügt er lachend hinzu. Nein, der habe einfach eine tolle Technik. Stefan Lippe pendelt zwischen München und Zürich.

ZÜRICH. An einem Wochenende fährt er in die bayerische Landeshauptstadt, am anderen kommt seine Frau in die Schweizer Metropole. „Natürlich, das ist nicht lustig. Das kann man nur temporär machen“, räumt er ein, ohne aber besonders betroffen zu wirken.

Für einen Mann in seiner Position ist Lippe erstaunlich bodenständig geblieben. Er verzichtet nicht nur auf einen Chauffeur. Er trägt eine Uhr mit dem Motiv der Dresdener Frauenkirche, wo andere Manager ganz andere Preisklassen wie Patek, Rolex oder IWC am Arm aufblitzen lassen.

Außerdem bereiten ihm, so scheint es, knifflige Aufgaben eine Freude, die anderen Menschen eher fremd sind. „Ich kann mich eine Stunde vor ein Knäuel setzen und es entwirren“, bekennt er und genießt das ungläubige Erstaunen im Gesicht seines Gesprächspartners.

Vielleicht hat der Deutsche deshalb Mathematik studiert, vielleicht hat er deshalb Erfolg: Stefan Lippe sitzt in der Geschäftsleitung der zweitgrößten Rückversicherung der Welt, der Swiss Re. Der 47-Jährige leitet den Bereich Property & Casualty und ist damit zuständig für das Sach- und Haftpflichtgeschäft.

Die Swiss Re. Wer hier arbeitet, der hat es in der verschwiegenen Branche der Rückversicherer geschafft. Der Mythenquai, dort, wo das herrschaftliche Anwesen der Swiss Re sich vor der Kulisse der fernen Alpen erhebt, gilt als Olymp des Geschäfts.

„Ich bin auch deshalb motiviert, weil ich sehr gerne mit Menschen zusammenarbeite“, sagt er und lehnt sich entspannt zurück. Aber eigentlich war er schon immer einer, der nicht nur mit Menschen im Team arbeitete, sondern sie auch führte. So organisierte er im Alter von 19 Jahren ein Ferienlager für 100 deutsche Kinder am Vierwaldstättersee in der Schweiz. Bei der Deutschen Lebensrettungsgesellschaft tauchte er und bildete den Nachwuchs aus.

Die körperliche Bewegung, die braucht er immer noch. Heute treibt der drahtige Manager aber Sport nur noch im „Wohlfühlbereich“. Wenn er zum Wandern in die Schweizer Berge aufbricht, dann lässt er die Stoppuhr zu Hause. Doch genau wie früher gilt: Er geht lieber den Berg hinauf als hinunter – also am liebsten immer nach oben.

Diese Vorliebe scheint auch seine berufliche Laufbahn bestimmt zu haben. Nach der Promotion im Fach Betriebswirtschaftslehre geht er zur Bayerischen Rück. Kaum hat er sich eingearbeitet, steigt er wieder eine Etage höher. Mit 32 Jahren nimmt er schon ganz oben im Vorstand Platz. Der Weg bis zum Chefsessel der Bayerischen Rück ist dann nicht mehr weit. Mit 37 Jahren wird er der jüngste Vorstandschef in Deutschland. Danach rückt er schließlich in die Geschäftsleitung der Muttergesellschaft Swiss Re auf. „Sie müssen risiko- und leistungsbereit sein“, lautet sein Credo. „Chancen, die bieten sich nämlich jedem.“

Er schafft es, solche Sätze glaubwürdig zu formulieren, so dass sie nicht wie der schale Tipp eines Karriereratgebers klingen. Er vergisst aber nicht, auf das nötige „Glück“ hinzuweisen, das man noch zusätzlich braucht. Das räumt er denn auch freimütig ein.

Lippe weiß noch eines: dass der Erfolg viele Väter hat. In seinem ersten Job als Projektleiter bei der Bayerischen Rück hatte er ein „Super-Team“ unter sich. Der Chef, so referiert Lippe eifrig, „profitiert natürlich am meisten von den Fähigkeiten in der Gruppe“.

Lippe, so scheint es, sagt, was er denkt. Was nervt ihn an seiner neuen Heimat, der Schweiz? „Offen gestanden“, er muss länger nachdenken, „nichts.“

Rein gar nichts? Doch. Da ist doch etwas. Das Brot. Das schmeckt nicht so gut wie in Deutschland. Noch sucht er die richtige „Bezugsquelle“ für die Laibe aus der alten Heimat.

Zwischen Deutschen und Schweizern sieht er Gemeinsamkeiten: Beide stapelten tief, beide wollten solide sein, beide – so Lippe – „wollen Versprechen halten“. Deutsche und Schweizer sind vor allem berechenbar. Auf die Frage, was er machen würde, wenn er noch einmal den Start ins Berufsleben vor sich hätte, sagt er: „Ich könnte mir vorstellen, ein Unternehmen hochzuziehen – vielleicht im Bereich IT.“ Bei Swiss Re ist man froh, dass es anders gekommen ist.

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