Steigende Chancen Opel zu übernehmen
Opel-Interessent RHJ: Zwei Männer, ein Ziel

Divenhaft und bodenständig ringen Leonhard Fischer und Gerd Häusler im Namen des belgischen Finanzinvestors RHJ International um die Übernahme von Opel. Weil das ungleiche Paar weiß, dass Kleinigkeiten den Deal entscheiden, funktioniert ihre Arbeitsteilung perfekt. Dabei überlassen die beiden nichts dem Zufall - auch nicht die Wahl ihres Dienstwagens.

BERLIN/FRANKFURT. Die Arbeitsteilung passt: Der eine, den alle nur unter der Kurzform „Lenny“ kennen, eilt voraus. Leonhard Fischer ist einer, der schneller denkt als sein Schatten. Einer, der schon den übernächsten Schritt plant, während er noch nicht den ersten gemacht hat. Einer, der auf einer Serviette einen Milliardendeal hinkritzelt. Ein schmaler Mann mit großem Kopf. „Er ist eine Diva“, sagt einer, der ihn wirklich „Lenny“ nennen darf. Und wie Diven das so an sich haben, kennt er dramatische Höhen und gähnende Tiefen.

Der andere ist der Bodenständige. Nicht der Espresso-Typ, eher der Mann für Longdrinks. Gerd Häusler schreibt Papiere mit einer Einleitung und einem Schluss. Er beherrscht die Sprache der Politiker, die sich angestrengt bemühen, nichts zu sagen, was sich später als falsch herausstellen könnte. Häusler gelingt als ehemaliger Investmentbanker und IWF-Direktor der Spagat zwischen dem Machbaren und dem Wünschenswerten. Er ist ein Wanderer zwischen den Welten.

Zusammen sind die beiden das ungleiche Paar, das im Namen des belgischen Finanzinvestors RHJ International um die Übernahme von Opel ringt. Und weil Fischer und Häusler wissen, dass Kleinigkeiten diesen Deal entscheiden, muss ihre Arbeitsteilung perfekt funktionieren. Fischer dreht das große Rad, Häusler muss den Sand aus dem Getriebe pulen. Selbst die Wahl der Dienstkarosse überlassen die beiden RHJ-Verhandlungsführer nicht dem Zufall: Zu Gesprächen mit Vertretern im Bundeswirtschaftsministerium am vergangenen Mittwoch fahren Fischer und Häusler mit dem Auto des Jahres 2009 vor – einem Opel Insignia in neutral weißer Farbe. Zum Termin mit Hessens Ministerpräsident Roland Koch (CDU) in die Staatskanzlei in Wiesbaden rollen die beiden Investmentbanker gestern mit dem gleichen Modell vor – dieses Mal ist der Insignia schwarz lackiert.

Alles Show? Fischer und Häusler weisen solche Interpretationen zurück. Sie sehen Opel nicht nur als kurzfristiges Investitionsobjekt, sondern als „hochattraktives Unternehmen“. So steht es auch in den Angebotsunterlagen, die RHJ in den vergangenen Tagen deutschen und ausländischen Politikern, Gewerkschaftern und Opel-Vertretern vorgestellt hat. Mit einigen Strukturveränderungen und Einschnitten wollen die beiden Unzertrennlichen New Opel „langfristig erfolgreich“ aufstellen. Allerdings ist auch klar, dass weder Fischer noch Häusler in ihrem Leben für unbegrenzte Zeit Autos bauen wollen. Die Vermutung, dass der Deal für die beiden deswegen interessant ist, weil sie nach einer harten Umstrukturierung Opel mit Gewinn verkaufen werden, ist alles andere als aus der Luft gegriffen. Den Vorwurf, dass RHJ damit seinen Schnitt auf Kosten des Steuerzahlers macht, der Opel gerade 1,5 Mrd. Euro zum Überleben spendiert hat, müssen sich Fischer und Häusler gefallen lassen.

Am Ende entscheidet allerdings niemand in Berlin, sondern die Herren vom Mutterhaus General Motors in Detroit über die Zukunft von Opel. Fischer und Häusler ist es in den vergangenen zwei Monaten dort immerhin gelungen, dem kanadisch-österreichischen Autozulieferer Magna die Vorreiterstellung als Käufer abspenstig zu machen. Ende Mai noch hatte Magna scheinbar den Zuschlag und eine entsprechende Brückenfinanzierung erhalten. RHJ flog damals angeblich aus dem Rennen, weil man kein Versprechen über die Sicherung aller vier deutschen Opel-Standorte abgeben wollte. Angela Merkels Versuch, die beiden Banker umzustimmen und den Erhalt aller Produktionsstätten in Deutschland zu garantieren, scheiterte. Man wolle keine Versprechen abgeben, die man anschließend kaum halten kann, sollen Fischer und Häusler geantwortet haben. Das hört sich an, als haben da welche verhandelt, die sich nicht verbiegen lassen wollten. Welche, denen Diplomatie schnurz ist. Mehr Fischer als Häusler klingt da durch.

Doch gewonnen wird erst, wenn die letzte Karte ausgespielt ist. Niemand weiß das besser als Fischer, der in seinem vorletzten Leben – als Chef des Schweizer Großversicheres Winterthur – den Job hatte, den Laden, der zur Credit Suisse gehörte, zu verkaufen. Natürlich für ganz viel Geld. Fischer pokerte, nannte einen Börsengang als Option und erreichte, dass ihm die französische Axa am Ende Milliarden auf den Tisch legte. Auch Axa-Chef Henri de Castries nennt ihn seither „Lenny“.

Jetzt pokert Fischer wieder hoch, während Häusler für die Bodenhaftung sorgt. Beide haben inzwischen im Ringen um Opel nachgelegt: Die umstrittenen Standorte in Bochum und Eisenach sollen doch erhalten bleiben. Die Verhandlungen haben sie direkt mit der Chefetage von GM und den Autoexperten im US-Finanzministerium geführt. „Wir wollten das nicht an die große Glocke hängen“, heißt es von dem Duo, das nicht ohne Genugtuung registriert, wie der Vorsprung von Magna beim Werben um den Rüsselsheimer Autohersteller langsam dahinschmilzt.

Sven Afhüppe
Sven Afhüppe
Handelsblatt / Chefredakteur
Oliver Stock
Oliver Stock
Handelsblatt / Stellvertretender Chefredakteur
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