Stephen Green
Ein Moralist kehrt der City den Rücken

Der HSBC-Chairman war ein unbequemer Banker. Während der Krise entpuppte der 62-Jährige sich als einer der größten Kritiker der Finanzbranche. Jetzt wechselt er in die Politik - und findet damit zu seinen Wurzeln zurück.
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LONDON. Ein typischer Banker ist Stephen Green nicht. Als Chairman von Europas größter Bank HSBC zählte der 62-Jährige zwar zu den mächtigsten Vertretern seiner Zunft, doch in seiner Freizeit geht der drahtige und distinguierte Manager einem ungewöhnlichen Hobby nach. Green ist ordinierter Laienprediger der anglikanischen Kirche und profilierte sich während der Finanzkrise als einer der pointiertesten Kritiker der Banken.

Jetzt verlässt Green nach 28 Jahren bei HSBC die Finanzbranche. Der ehemalige Vorstandschef hat ein Angebot des neuen britischen Premierministers David Cameron angenommen und wechselt im Januar als Staatssekretär für den Handel ins Kabinett der konservativ-liberalen Koalition, um die britischen Exporte zu fördern. Er wird dann direkt an Wirtschaftsminister Vince Cable und Außenminister William Hague berichten.

Sein bisheriger Arbeitgeber erklärte gestern, dass bereits seit einigen Monaten nach einem Ersatzmann für Green gesucht und bis spätestens Ende des Jahres ein Kandidat gekürt werde. Als Favorit in der Londoner City gilt John Thornton, die frühere Nummer zwei der Investmentbank Goldman Sachs. Seit 2008 beaufsichtigt der Manager die Sanierung des US-Geschäfts von HSBC, lange eines der Sorgenkinder der Bank. Beim Wettbüro Paddypower lagen die Quoten für Thornton gestern bei sechs zu fünf. Bei HSBC selbst setzen die meisten auf den 56-jährigen Vorstandschef der Bank, Michael Geoghegan. Dagegen hat der 69-jährige City-Veteran Simon Robertson, der ebenfalls im HSBC-Board sitzt, derzeit nur Außenseiterchancen.

Vorstandschef Geoghegan steuerte gemeinsam mit Chairman Green das Institut höchst erfolgreich durch die Finanzkrise. HSBC schrieb durchgehend schwarze Zahlen und verdoppelte im ersten Halbjahr 2010 den Gewinn auf über elf Mrd. Dollar. Dahinter steckt vor allem die traditionelle Stärke der Bank in den aufstrebenden Volkswirtschaften wie China. Geoghegan zog im vergangenen Jahr nach Hongkong um, und damit kehrte das 1865 als Hongkong & Shanghai Banking Corporation (HSBC) in Fernost gegründete Institut zu seinen Wurzeln zurück, auch wenn die Firmenzentrale zumindest vorerst im Londoner Osten bleibt.

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