Steuerflucht in die Schweiz
Immer Ärger mit den Deutschen

Zuwanderer mit gehobenem Geschmack schätzen den Schweizer Kanton Zug: Berge, Seen und ein mildes Klima versprechen Erholung vom Geldverdienen.

HB GENF. Phantastisch anmutende Preise für Haus und Grund schließen ordinäre Menschen vom Leben in der Idylle aus. Und der Fiskus behandelt Neuankömmlinge mit Samthandschuhen: Superreiche Ausländer können auf dem Amt individuelle Abkommen aushandeln – weit jenseits der normalen Gesetze.

Die Vorteile des Millionärsrefugiums am Fuße der Alpen will jetzt auch Boris Becker genießen. Noch wartet der Deutsche auf seine Aufenthaltsgenehmigung.

Kommt Millionär Becker hauptsächlich wegen der Steuern? „Ein Steuerflüchtling bin ich nicht“, verrät die Tennislegende in einem Interview. „Wenn ich hier mal ein Bier trinken gehe, werde ich in Ruhe gelassen, ganz anders als etwa in Deutschland.“ Er schätze ganz einfach die „Diskretion und Intimität“ Helvetiens, beteuert Becker, der gleichzeitig mit seiner Firma Boris Becker & Co. umzieht.

Wie der verurteilte Steuerflüchtling (zwei Jahre Haft auf Bewährung, 500 000 Euro Strafe) hat bereits eine Schar wohlhabender Deutscher und Deutschstämmiger die abgabentechnischen Vorzüge des Standortes Schweiz erkannt: Die Liste reicht von August Baron von Finck über Radsportprofi Jan Ullrich und Milchkönig Theo Müller bis zum Pharma-Milliardär Curt G. Engelhorn. Die meisten Reichen erfreuen sich eines Lebens in Saus und Braus – doch nicht alle sind bei den Eidgenossen gelitten.

Beispiel Michael Schumacher

Den Rennfahrer zog es vor gut zwei Jahren vom Genfersee in die Deutschschweiz. Dort sollten die Schumi-Kinder die Muttersprache des Kerpeners lernen. Schumachers Frau Corinna wollte Stallungen für ihre ersehnte Pferdezucht bauen lassen. Dann wurde publik, dass Behörden im Kanton Luzern den deutschen Großverdiener mit einem Privilegienpaket anlockten – Steuervergünstigungen, exklusives Landerecht für den Privatjet auf einem Militärairport, Hilfe bei der Grundstückssuche.

Die Volksseele kochte. „Die Sonderbehandlung durch unsere Behörden für einen ausländischen Millionär, dem geholfen wird, noch reicher zu werden, ist einfach skandalös“, schimpfte der Sozialdemokrat Odilo Abgottspon. Auch im Appenzeller Land machten Umweltschützer gegen Schumis geplantes Luxusanwesen mobil. Entnervt blieb der Weltmeister am Genfer See.

Beispiel Otto Beisheim

Der Metro-Patriarch galt in seiner Wahlheimat Zug lange als mustergültiger Steuerflüchtling: generös, unkompliziert, ohne Allüren. Die Generaldirektion der Metro Holding AG war eine echte Perle unter den vielen – teilweise auch windigen – Holdingkonstruktionen des Kantons. Dann kam ans Licht, dass auch die Metro sehr enge Beziehungen zur Kantonalen Steuerverwaltung pflegte – zu enge. So wurde die Veranlagung Otto Beisheims auf „Wunsch“ seiner Manager lange hinausgezögert. Briefe des Fiskus an die Generaldirektion waren in unterwürfigem Stil gehalten. Daraufhin musste sich die Zuger Regierung öffentlich von ihrer Steuerverwaltung distanzieren – in der konsensorientierten Schweiz ein Skandal. Die linke Opposition hatte ein gefundenes Fressen: Die „Vetternwirtschaft zwischen ausländischem Kapital und kantonalen Behörden findet sich sonst nur in Bananenrepubliken“, wetterte der alternative Abgeordnete Josef Lang. Von Beisheim selbst sah man nach der Schlammschlacht noch weniger als sonst.

Beispiel Uwe Holy

Der Ex-Miteigentümer und -Vorstandschef des Bekleidungshauses Boss spendete einer Dependance der Umweltorganisation WWF 360 000 Franken. Offizieller Grund: Die Förderung des „Natur- und Landschaftsschutzes“. Mit der Zuwendung brach Holy auch den Widerstand der Naturfreunde gegen den Bau seiner Nobelresidenz am Bodensee. Bürger kritisierten seine Scheckbuchstrategie.

Einen weitaus größeren Sturm der Entrüstung entfachte Friedrich Christian Flick. Der Millionär, Freunde nennen ihn Mick, wollte seine einmalige Kunstsammlung in der Schweizer Wirtschaftsmetropole Zürich dauerhaft ausstellen.

Doch die Flicksche Kunst wollten die Zürcher nicht in ihrer Stadt haben. Das Geld für den Ankauf der Werke, behaupteten die Gegner, stamme aus den Rüstungsschmieden des alten Friedrich Flick. Micks Großvater hatte als Hitlers Waffenlieferant am Krieg verdient – und an der Ausbeutung von Zwangsarbeitern. Mick Flick will von seinen Plänen längst nichts mehr wissen.

Neuankömmling Boris Becker scheint aus den Schnitzern der deutschen Landsleute gelernt zu haben. Der Instinktmensch aus Leimen lässt Zweifel an seiner Loyalität zur neuen Heimat erst gar nicht aufkommen. „Die Schweiz kenne ich schon lange, habe in Gstaad und Basel ja auch Turniere gespielt“, sagt Becker. „Ich habe Land und Leute hier lieben gelernt.“

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