Stratege des Jahres
Berthold Beitz – Die Dynastie Krupp lebt

Was im Jahr 1998 mit der Übernahmeschlacht um den Thyssen-Konzern begann, wurde 2010 vollendet: Die Thyssen-Zentrale in Düsseldorf wurde geschlossen, der fusionierte Konzern Thyssen-Krupp siedelte nach Essen um - in die Heimat der Krupps.
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Berthold Beitz als das einzige Relikt des Reviers zu bezeichnen, dies würde despektierlich klingen. Aber dennoch: Noch als Einziger verkörpert Berthold Beitz das einstmals blühende Ruhrgebiet. Und das sogar in zwei Bereichen. Zum einen als Person; nahezu hundertjährig gebietet er vom Hügel in Essen aus über das von ihm Geschaffene. Und zum Zweiten hat das ihm vor mehr als einem halben Jahrhundert von Alfried Krupp von Bohlen und Halbach Anvertraute die Entsorgung des Reviers von Kohle, Eisen und Stahl nicht nur überstanden, er hat es vermehrt, mit feiner Technologie angereichert und schlussendlich, indem er es mit einem Größeren zusammenband, zu dem im Revier bedeutendsten Unternehmen gemacht. Als dessen einzige Großaktionärin bestimmt die von ihm in salomonischer Weisheit gesteuerte Krupp-Stiftung die Unternehmenspolitik dieser aus der Fusion hervorgegangenen Thyssen-Krupp-Aktiengesellschaft.

Und dieser Konzern residiert seit diesem Jahr auch wieder in Essen. Die Zentrale des vor Jahren zusammengewachsenen Unternehmens siedelte vom alten Thyssen-Standort in Düsseldorf nach Essen um, der Heimat der Krupps. Es ist als eine strategische Meisterleistung Beitz' zu werten, dass der vor der Fusion deutlich größere Thyssen-Konzern sich nun an die traditionsreiche Wirkungsstätte des einst deutlich kleineren Partners Krupp begibt. Und das längst fusionierte Unternehmen nun von Essen aus geführt wird, sozusagen in Rufweite der Villa Hügel, wo die von Beitz geleitete Krupp-Stiftung residiert.

Der Autor dieser Schrift, inzwischen, wie schon Berthold Beitz vor ihm, selber zu einem alttestamentarischen Methusalem gereift, hat eine lange Wegstrecke neben ihm zurückgelegt, mal recht eng wie in der Zeit seiner Mitgliedschaft im Aufsichtsrat der alten Fried Krupp GmbH, später dann, ohne Organbindung, in mancherlei, auch von ihm gesuchten Gesprächen.

Der Verfasser seiner just erschienenen Biografie hat immerhin nicht weniger als 621 Seiten benötigt, um das prall gefüllte Leben von Berthold Beitz in einem Buch unterzubringen. Hier steht nahezu alles über ihn drin. Was es nicht enthalten kann, die persönlichen Wahrnehmungen eines Weggefährten, werde ich nun zu Papier bringen.

Die Frage, was Alfried Krupp von Bohlen und Halbach im Herbst 1952 bewegt oder bewogen haben mag, ohne langes Besinnen Berthold Beitz die Bürde eines letzthin Alleinverantwortlichen für das Krupp-Vermächtnis zu übertragen und damit auch sein persönliches Schicksal an das des jungen Mannes zu binden, scheint auf den ersten Blick eher eine zu sein, die an einen Psychologen oder, besser noch, an einen Sterndeuter zu richten wäre.

Dieser an keine Bedingung oder gar Voraussetzung geknüpfte Vertrauensvorschuss Alfrieds wird Berthold Beitz, so denke ich, für sein weiteres Leben geprägt haben. Von nun an dachte er nur noch mit den Sinnen Alfrieds.

Sein Anfang im Revier war unsäglich schwierig. Statt laufender Aggregate traf er Trümmerstätten an, die auch noch mit Verkaufsauflagen der Alliierten belegt waren. Zudem war er ein Fremder, ein Revierferner, der für die aus den Ruinen wiederauferstandenen Schlotbarone und die damals noch nicht vom Aussterben sich bedroht fühlenden Bergassessoren, die allesamt noch den Dünkel aus den Zeiten Wilhelms des Zweiten selig wie eine Monstranz vor sich hertrugen, als eine Fehlentscheidung Alfrieds galt und den sie somit als artfremden Parvenü betrachteten.

Ich weiß nicht, ob er sich hierdurch gekränkt oder gar gedemütigt gefühlt haben mag. Jedenfalls beschritt er, hiervon unbeirrt, seinen Weg, bis zum Tode Alfrieds im Jahre 1967 noch von dessen Hand und Huld geleitet, dann mutterseelenallein.

Beitz war indes schnell klar, dass sich Krupp nicht mit dem Abbau von Kohle und der Herstellung von Eisen und Stahl zufriedengeben konnte und durfte. Krupp benötigte - wie schon in den Zeiten zuvor - eine eigene Weiterbverarbeitung. Doch nicht nur, dass die hierfür erstellten Werkshallen und Maschinen zerstört waren, Krupp fehlten die Produkte, die bis zum Kriegsende letzthin nur aus Kanonenrohren und Panzern, U-Booten und sonstigem Kriegsmaterial bestanden hatten.

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