Strategie-Galerie Die Gottheit wohnt in den Zahnrädern eines Getriebes

Romantische und klassische Menschen bilden den Dualismus aller Dinge - oder: Was ein Motorrad über Qualität und die Quelle allen Übels lehrt.
  • Barbara Bierach (Handelsblatt)

DÜSSELDORF. Die Maschine schnurrt, die Straße verliert sich wie ein graues Band in der Ferne. Im Vorbeifahren flirrt das Licht auf den Blättern, der Asphalt glänzt, der Horizont ist weit und die Freiheit scheinbar grenzenlos... born to be wild.

An diesem Lebenstraum vieler Motorradfans ist Robert Pirsig nicht ganz unschuldig. In den 70er-Jahren fuhr er von Chicago bis in die Rocky Mountains und schrieb darüber ein Buch: „Zen oder die Kunst, ein Motorrad zu warten“ ist eine Easy-Rider-Ballade, die sehr poetisch Landschaften, Klima und die Begegnungen mit Menschen in den USA beschreibt.

Ein Roadmovie ist das Buch allerdings nur vordergründig. Die eigentliche Qualität des Buches besteht in der Beschreibung einer philosophischen Sinnsuche. Pirsig sitzt auf seiner Maschine, knattert durchs Land und denkt nach über den Geist, der allem Seienden innewohnt: Wer den nicht respektiert, sinniert er, wird scheitern – auch bei einer simplen Motorradreparatur. Sein Credo lautet: Wer nicht ständig feststecken will, mental und auch sonst, muss seine Rationalität auch mal vergessen können und sich dem „Buddha der Dinge“, ihrem eigentlichen Wesen öffnen. Denn nur aus dem Respekt vor der Sache kann Qualität erwachsen.

„Die Gottheit wohnt in den Schaltungen eines Digitalrechners oder den Zahnrädern eines Motorradgetriebes genauso wie auf einem Berggipfel oder im Kelch einer Blüte. Wer das nicht wahrhaben will, erniedrigt den Buddha – und damit sich selbst.“ Wer nun aber glaubt, Pirsig würde im Umgang mit Mechanik Dilettantismus predigen, irrt gewaltig.

Pirsig glaubt an die Existenz von zwei grundsätzlichen Persönlichkeitstypen: Romantiker und Klassiker. Legt man einem Romantiker eine technische Zeichnung vor, würde er nicht viel Interessantes darin sehen. Langweilige, komplizierte Ansammlungen von Namen, Linien und Zahlen. Der klassische Mensch wäre davon fasziniert, weil er hinter den Linien und Symbolen eine Fülle von Formen wahrnimmt.

Die romantische Anschauungsweise ist vorwiegend durch Inspiration und Phantasie bedingt, die klassische beruht auf Vernunft und Gesetzen. „Motorradfahren ist romantisch, Motorradwartung ist klassisch.“

Dieser Dualismus sei die Quelle allen Übels, denn die Menschen seien zumeist der einen oder anderen Anschauung verhaftet und deshalb immer geneigt, die jeweils andere misszuverstehen: „Es gibt keinen Punkt, an dem diese beiden Auffassungen von der Wirklichkeit zusammenfielen.“ Qualität, sagt Pirsig, entstehe aber nur in der Versöhnung beider Welten. Ein Gefühl für die Qualität der Arbeit muss her, ein Sinn dafür, was gut ist. Pirsig lehrt letztlich auch, dass das Ganze immer mehr ist als die Summe seiner Teile und einem Motorrad ebenso wie einem Unternehmen ein Geist innewohnt.

Fazit: Bolko von Oetinger

„Investmentbanker glauben, ein Unternehmen sei eine Sammlung von Einzelgeschäften, die man beliebig kaufen und verkaufen kann. Der ,Buddha eines guten Unternehmens’ findet sich in keiner Bilanz, ist aber das Herz des Unternehmens.“

Das Buch dazu: Zen oder die Kunst, ein Motorrad zu warten, Robert Pirsig, Fischer, Frankfurt 1978.

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