
DÜSSELDORF. Als die Sache aufflog, wurde aus der Blamage schnell eine Katastrophe. 200 Beamte, Steuerfahnder und Staatsanwälte verschafften sich im November 2006 Einlass zu mehr als 30 Büros des Siemens Konzerns. Siemens, einer der stolzestesten Namen der Deutschen Wirtschaft, geriet in einen Belagerungszustand. Die Beamten stellten 36 000 Ordner siche, sie machten 25 Empfängerländer für Schmiergeldzahlungen aus und vernahmen mehr als 20 Verdächtige. Am Ende kostete der Korruptionsskandal Siemens fast drei Milliarden Euro - an Strafen, Steuernachzahlungen und Anwaltshonoraren.
Der Alptraum in München löste eine Panikreaktion in der Wirtschaft aus. "Seit Siemens sind die Leute vorsichtig geworden", sagt Karl-Heinz Symann, der ehemalige Sicherheitsexperte der Dresdner Bank. Kaum ein Großunternehmen, dass sich keine Beratertruppe zur Korruptionsbekämpfung ins Haus geholt hätte, kein Konzern, der nicht seine Compliance-Strukturen auf den Prüfstand stellte. Und dennoch: Die Korruption lebt.
Nicht alle Unternehmen verzichten auf unsaubere Geschäfte
Der Hannoveraner Rohrleitungsspezialist Eginhard Vietz etwa verteidigt die Zahlung von Schmiergeldern durch die deutsche Wirtschaft. "Ich würde mir wünschen, dass man die Augen aufmacht und anerkennt, wie die Welt da draußen eben aussieht", sagte er dem Handelsblatt. "Die meisten Politiker wissen das längst. Aber die Vorschriften und Gesetze entfernen sich immer weiter von der Realität."
Vietz' Appell kommt einen Tag nach einem Bericht des Handelsblatts, dass die Essener Ferrostaal AG den Rückhalt der Deutschen Wirtschaft verliert. Wegen der Schmiergeldvorwürfe gegen den Industriedienstleister haben sich mehrere Partner, darunter Daimler und Thyssen-Krupp, von Ferrostaal abgewandt.
Vietz dagegen hält den Kampf gegen Korruption für Heuchelei. Nach seinen Angaben ist in zahlreichen Ländern ohne Schmiergeld einfach kein Geschäft zu machen. "In Algerien, Ägypten oder Nigeria kommen Sie ohne solche Zahlungen einfach nicht durch. Das gilt auch für Russland", sagt Vietz. Er habe selbst in China erlebt, dass er Aufträge nur durch Schmiergeld gewinnen konnte - und Aufträge verlor, weil ein Konkurrent mehr zahlte. Und dass, obwohl in China die Todesstrafe auf Korruption stehe.
Vietz wird von prominenten deutschen Korruptionsexperten in seiner Einschätzung gestützt. "Fakt ist, dass es auf der Welt eine ganze Reihe von Geschäftsfeldern gibt, in denen ohne geschmierte Beziehungen zu Verantwortlichen in Regierung oder Verwaltung einfach nichts läuft", sagt der ehemalige Frankfurter Oberstaatsanwalt Wolfgang Schaupensteiner. "Es wird zwar in der Öffentlichkeit sehr viel über Compliance geredet, aber nicht alle Unternehmen handeln dann tatsächlich auch nach der Maxime: unsaubere Geschäfte machen wir einfach nicht."